Oxfam-Bericht: Lebensmittelkonzerne boomen, aber Millionen hungern

Hunderten Millionen Menschen auf der ganzen Welt droht der Hungertod, weil die Lebensmittelpreise ständig steigen und die Versorgung stockt. Gleichzeitig bereichern sich die riesigen Konzerne, die die Produktion und Verteilung der Lebensmittel kontrollieren, mehr denn je zuvor.

Unterernährte Kinder in Ouagadougou (Burkina Faso), die in der Pädiatrie des Krankenhauses Boulmiougou auf Behandlung warten (AP Photo/Sophie Garcia) [AP Photo/Sophie Garcia]

Im Mittelpunkt des jüngsten Berichts der britischen Hilfsorganisation Oxfam über die globale Ungleichheit steht die Lebensmittelkrise. Sie ist ein Ergebnis der Tatsache, dass die Lebensgrundlagen vollkommen dem kapitalistischen Profitstreben untergeordnet werden. Der Bericht wurde kurz vor Beginn des aktuellen Weltwirtschaftsforums in Davos publiziert.

Die inflationäre Nahrungsmittelkrise wurde ausgelöst, weil die kapitalistischen Regierungen nichts unternommen haben, um die Corona-Pandemie zu beenden. Nun hat der Stellvertreterkrieg der Nato gegen Russland in der Ukraine die Krise noch einmal deutlich verschärft.

UN-Generalsekretär Antonio Guterres erklärte letzte Woche, die Zahl der weltweit Hungernden habe einen neuen Höchststand erreicht. Die Zahl der Menschen, die unter Ernährungsunsicherheit leiden, hat sich in den letzten zwei Jahren von 135 auf 275 Millionen mehr als verdoppelt.

Da die Versorgung mit Düngemitteln und anderen landwirtschaftlichen Produkten stark gestört ist, ist kein Ende der Krise in Sicht.

Der jüngste Oxfam-Bericht schildert detailliert, wie die globalen Agrar- und Energiekonzerne von diesem Elend profitieren.

Die Lebensmittelpreise sind in den letzten zwei Jahren weltweit um 33,5 Prozent gestiegen, und in diesem Jahr werden sie vermutlich um weitere 23 Prozent steigen. Im März stiegen die Lebensmittelpreise so stark an wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen durch die Vereinten Nationen im Jahr 1990.

In dem Bericht hieß es: „Die Profite der Konzerne und Milliardärs-Dynastien, die einen Großteil unseres Ernährungssystems kontrollieren, steigen rapide.“ Weiter hieß es, in den letzten zwei Jahren seien in der Lebensmittelbranche 62 Milliardäre hinzugekommen.

Der Bericht wies besonders auf den globalen Lebensmittelkonzern Cargill hin, eins der größten Privatunternehmen der Welt und eins von vier Unternehmen, die zusammen mehr als 70 Prozent des weltweiten Markts für Agrarprodukte kontrollieren.

Das Gesamtvermögen der Familie Cargill ist seit 2020 um 14,4 Milliarden Dollar, bzw. um 65 Prozent, gestiegen. Während der Pandemie wuchs es aufgrund des Anstiegs der Lebensmittelpreise, vor allem der Getreidepreise, um fast 20 Millionen Dollar pro Tag.

Im Jahr 2021 verzeichnete das Unternehmen mit fünf Milliarden Dollar Nettoeinnahmen das beste Ergebnis seiner Geschichte und zahlte 1,13 Milliarden Dollar Dividenden aus, größtenteils an Familienmitglieder. Für dieses Jahr rechnet es erneut mit Rekordprofiten.

Cargill ist nicht das einzige Unternehmen, das hohe Profite einfährt. Einer seiner Hauptrivalen, der Agrarrohstoffhändler Louis Dreyfus, konnte seine Profite im letzten Jahr wegen der steigenden Preise für Getreide und Ölsamen um 82 Prozent steigern.

Am anderen Ende der Lebensmittelversorgungskette nannte Oxfam die US-Supermarktkette Walmart, die letztes Jahr 166 Milliarden Dollar in Form von Dividenden und Aktienrückkäufen an Aktionäre ausgezahlt hat. Nur 5,9 Prozent der Gewinne aus einem durchschnittlichen Einkaufskorb gingen an kleine Bauern.

Der durchschnittliche Jahreslohn eines Walmart-Beschäftigten liegt bei unter 21.000 Dollar (19.500 Euro). Würde man dagegen das an Aktionäre ausgezahlte Geld auf die 1,6 Millionen Beschäftigten verteilen, dann würden ihre Löhne auf 30.904 Dollar pro Woche steigen!

Ebenfalls Profiteure der Inflationskrise, die weltweit die Lebensbedingungen der Arbeiter zerstört, sind die großen Ölkonzerne. Sie konnten ihre Profitmargen in den zwei Jahren der Pandemie verdoppeln. Der Preis für Rohöl ist im letzten Jahr um 53 Prozent gestiegen, der Erdgaspreis um 148 Prozent. Der Anstieg der Energiepreise ist ein wichtiger Faktor für den Anstieg der Lebensmittelpreise und der Transportkosten.

Im Bericht hieß es: „Die Unternehmen, die Teil der weltweiten Energieversorgungskette sind, machen bei diesen Preissteigerungen einen Mordsgewinn [im wahrsten Sinne des Wortes angesichts der drohenden Hungersnot]. Im vergangenen Jahr sind die Profite in der Energiebranche um 45 Prozent gestiegen (…) Die Milliardäre in der Öl-, Gas- und Kohleindustrie konnten ihre Vermögen in den letzten zwei Jahren um netto 53,5 Milliarden Dollar, bzw. 24 Prozent, steigern.“

Das Gleiche gilt für die Pharmaindustrie, wo die Pandemie 43 zusätzliche Milliardäre hervorgebracht hat, die „von den Monopolen ihrer Unternehmen auf Impfstoffe, Behandlungen, Tests und Schutzausrüstung profitieren“.

Wenn solche Themen angesprochen werden, behaupten die Verteidiger des „freien Markts“ regelmäßig, dieser Reichtum sei als „Belohnung“ für Unternehmertum zu rechtfertigen. Auch sei er durch die Ausgaben für Forschung begründet, ohne die die Entwicklung neuer Medikamente und Impfstoffe nicht möglich wäre.

Das war schon immer eine Lüge, und heute mehr denn je. Laut dem Bericht geht ein Großteil der Vermögen der neuen Pharmamilliardäre auf „die milliardenschwere staatliche Finanzierung zurück, u.a. auf staatliche Forschungsgelder und Regierungsaufträge“.

Moderna, dessen einziges Produkt ein Impfstoff gegen Covid-19 ist, hat eine Gewinnmarge von 70 Prozent. „Es hat zehn Milliarden Dollar, die es von der US-Regierung erhalten hat, durch den Impfstoff zu Profiten von 12 Milliarden Dollar gemacht.“

Das Unternehmen hat durch den Verkauf von Impfstoffen vier Personen zu Milliardären mit einem Gesamtvermögen von zehn Milliarden Dollar gemacht, aber nur ein Prozent der Impfstoffe gingen an ärmere Länder. Gleichzeitig hat es sich geweigert, die Bestrebungen zum Aufbau lokaler Produktionen in Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen zu unterstützen.

Das Gleiche gilt für den Pfizer-Konzern. Die Gewinnmarge seines Impfstoffs liegt bei 43 Prozent, und er hat im letzten Jahr Dividenden in Höhe von 8,7 Milliarden Dollar ausgezahlt. Um seine Profite zu schützen, hat Pfizer zusammen mit anderen Pharmaunternehmen verhindert, dass auf die geistigen Eigentumsrechte an den Impfstoffen verzichtet wird, wodurch die Preise stark sinken würden. Um dies zu verhindern, hat es Millionen Dollar für Lobbyarbeit ausgegeben.

In ihrer Gesamtanalyse der Inflationskrise und des explosionsartigen Anstiegs der Milliardärs-Vermögen weist der Bericht darauf hin, dass die Milliardäre ihr Vermögen in den letzten 24 Monaten so stark steigern konnten wie in den letzten 23 Jahren. Die Milliardäre der Lebensmittel- und Energiebranche konnten ihre Vermögen alle zwei Tage um eine Milliarde Dollar erhöhen.

Während der Pandemie ist „alle 30 Stunden ein neuer Milliardär entstanden“, während im gleichen Zeitraum eine Million Menschen in extreme Armut abrutschten.

Weiter hieß es, der Anstieg des Vermögens der Milliardäre gehe auf die Geldspritzen ins Finanzsystem im Wert von mehreren Billionen Dollar zurück. Zudem habe es einen „Profitrausch“ gegeben und eine verstärkte Monopolbildung in der Wirtschaft. Schätzungen zufolge sind in den USA „die steigenden Unternehmensprofite für 60 Prozent des Anstiegs der Inflation verantwortlich“.

Oxfam fordert erneut eine Reihe von Vermögenssteuern und erklärt, durch eine progressive Vermögenssteuer ab zwei Prozent für Menschen mit mehr als fünf Millionen Dollar Vermögen und bis zu fünf Prozent für Vermögen über eine Milliarde Dollar könnten weltweit 2,52 Billionen Dollar zusammenkommen. Dies würde ausreichen, um 2,3 Milliarden Menschen aus der Armut zu holen und die Gesundheitsversorgung von 3,6 Milliarden Menschen in Ländern mit niedrigem Einkommen zu sichern.

Solche Berechnungen sind wichtig, da sie zeigen, dass mehr als genug Ressourcen für den Umbau der Weltwirtschaft auf der Grundlage sozialer Gleichheit vorhanden sind. Doch die vorgeschlagene politische Perspektive, man könne die herrschenden Eliten mit vernünftigen Maßnahmen von einem Kurswechsel überzeugen, ist bankrott.

Tatsächlich wird sie von einigen der abschließenden Bemerkungen in dem Bericht widerlegt: „Oxfam betont vor allem, dass der derzeitige rapide Anstieg der Milliardenvermögen und die Krise der Lebenshaltungskosten, die Milliarden von Menschen betrifft, ein- und dasselbe Phänomen sind. Das passiert nicht einfach nebenbei, sondern wurde vorsätzlich mit ihrer Unterstützung herbeigeführt.“

Das zeigt, dass es ein sinnloses Unterfangen ist, auch nur zu versuchen, die kapitalistischen Regierungen, die dieser Oligarchie dienen, für einen Kurswechsel zu gewinnen. Die einzige tragfähige und realistische Perspektive ist der politische Kampf der Arbeiterklasse in allen Ländern für das Programm des internationalen Sozialismus, damit der Reichtum, den Milliarden Menschen durch ihre Arbeit schaffen, für die Verbesserung ihrer sozialen Lage genutzt werden kann.

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