Perspektive

75 Jahre seit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki

Gestern jährte sich zum 75. Mal eines der schrecklichsten Kriegsverbrechen, das der Imperialismus je gegen eine wehrlose Zivilbevölkerung begangen hat: der Abwurf einer Atombombe auf Hiroshima.

Es gibt kaum Anzeichen dafür, dass dem Jahrestag dieses kriminellen Aktes von offizieller Seite in bedeutungsvoller Weise gedacht werden wird. Es war dieses Kriegsverbrechen, das der Menschheit Atompilze, radioaktive Verstrahlung und potenziell globale Vernichtung ins Bewusstsein brachte. Dennoch war seine Bedeutung noch nie so groß wie heute, da der US-Imperialismus hinter dem Rücken der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten und der ganzen Welt unaufhörlich ein gewaltiges Atomwaffenarsenal aufrüstet und eine Doktrin des aggressiven Nuklearkriegs verfolgt.

Um 8:15 Uhr des 6. August 1945 warf die Enola Gay, einamerikanischer Langstreckenbomber vom Typ B-29 Superfortress, eine Atombombe mit dem Codenamen „Little Boy“ auf die japanische Stadt Hiroshima ab, in der eine Viertelmillion Menschen lebten.

Mit einer Sprengkraft von 15 bis 20 Kilotonnen TNT war die Zerstörungskraft der Bombe mehrere tausend Mal größer als alle je zuvor in der Kriegsführung eingesetzten Geschütze. Die Auswirkungen der Explosion waren verheerend.

Schätzungsweise 80.000 Menschen starben sofort oder innerhalb weniger Stunden, verdampften, verbrannten oder starben auf schreckliche Weise infolge des durch die Detonation ausgelösten Feuersturms, der die gesamte Stadt, zusammen mit der Druckwelle der Bombe, dem Erdboden gleichmachte. Nur drei Tage später warf ein amerikanischer Bomber eine zweite Atombombe über der Stadt Nagasaki ab und tötete weitere 40.000 Menschen. Die Zahl der Opfer, die bei beiden Angriffen sofort oder im Laufe von Tagen und Wochen an Verbrennungen, Verletzungen und Strahlenkrankheit starben, wird auf 250.000 bis 300.000 geschätzt. 90% von ihnen waren Zivilisten – Männer, Frauen und Kinder.

Die Augenzeugenberichte der Überlebenden von Hiroshima, zeichneten ein apokalyptisches Bild des Massensterbens und des menschlichen Leidens.

Dr. Michihiko Hachiya beschrieb die unvorstellbare Szenerie nach der Explosion folgendermaßen: „Straßenbahnwagen standen still und darin befanden sich Dutzende von Leichen, bis zur Unkenntlichkeit geschwärzt. Ich sah Feuerweiher, die bis zum Rand mit Leichen gefüllt waren, die aussahen, als wären sie lebendig gekocht worden... Man konnte die schattenhaften Formen von Menschen sehen, von denen einige wie wandelnde Gespenster aussahen. Andere bewegten sich, als hätten sie große Schmerzen, wie Vogelscheuchen, die Arme vom Körper ausgestreckt, mit baumelnden Unterarmen und Händen. Diese Leute verwirrten mich, bis ich plötzlich bemerkte, dass sie verbrannt worden waren, und sie hielten ihre Arme ausgestreckt, um die schmerzhafte Reibung von Wundflächen zu verhindern."

So beschrieb ein anderer Überlebender seine Eindrücke als Augenzeuge: „Hunderte von denen, die noch am Leben sind ... wanderten abwesend herum. Einige waren halbtot, sich in ihrem Elend windend... Sie waren nicht mehr als lebende Leichen."

Pater Wilhelm Kleinsorge, ein deutscher Jesuitenpfarrer, sprach von der Begegnung mit einer Gruppe von Soldaten, deren Gesichter „vollkommen verbrannt [waren], die Augenhöhlen leer, die geschmolzenen Augäpfel waren über die Wangen herabgeronnen … Ihr Mund war nur eine verschwollene, eitrige Wunde; sie waren nicht imstande, die Lippen so weit zu öffnen, dass man den Schnabel einer Teekanne hätte einführen können.“

Der Zweite Weltkrieg, der brutalste und blutigste Konflikt der Menschheitsgeschichte, forderte 70 Millionen Menschenleben. Die Kriegsgräuel übertrafen die schlimmsten Alpträume der Menschheit. Die Ausrottung von Zivilisten wurde als staatliche Politik betrieben und gipfelte in der Vernichtung von 6 Millionen Juden durch die Nazis.

Japans imperialistisches Regime selbst verübte bei dem Versuch, Asien unter seine imperialistische Hegemonie zu bringen, abscheuliche Kriegsverbrechen. Dazu gehörte das Massaker von Nanking, bei dem die japanische Armee 1937 bis zu 300.000 gefangene chinesische Soldaten und Zivilisten massakrierte.

Ein bewusstes und mit Lügen gerechtfertigtes Kriegsverbrechen

Dennoch zeichnete sich die Barbarei der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki durch ihr kaltes Kalkül bei der Vernichtung der Zivilbevölkerung aus. Dieses Verbrechen, das durch unverschämte Lügen gerechtfertigt wurde, erfolgte ohne jegliche militärische Notwendigkeit.

Unter den Ersten, die die Bombenabwürfe als Kriegsverbrechen anprangerten, befanden sich die amerikanischen Trotzkisten. James P. Cannon, der Gründer der amerikanischen trotzkistischen Bewegung, berichtete am 22. August 1945 in New York bei einer Gedenkveranstaltung für Leo Trotzki (am 21. August 1940 in Mexiko von einem stalinistischen Agenten ermordet): „In zwei kalkulierten Schlägen, mit zwei Atombomben, tötete oder verletzte der amerikanische Imperialismus eine halbe Million Menschen. Die Jungen und die Alten, das Kind in der Wiege und die Alten und Kranken, die frisch Verheirateten, die Gesunden und die Kranken, Männer, Frauen und Kinder – sie alle mussten durch zwei Explosionen sterben wegen einer Auseinandersetzung zwischen den Imperialisten der Wall Street und einer ähnlichen Bande in Japan … Welch‘ unaussprechliche Grausamkeit! Welch‘ eine Schande ist über Amerika gekommen, über Amerika, das einst im Hafen von New York eine Freiheitsstatue errichtete, die die Welt erleuchtete. Nun schreckt die Welt in Furcht vor ihrem Namen zurück.“

Er fuhr fort: „Vor langer Zeit sagten die revolutionären Marxisten, dass die Alternative, vor der die Menschheit steht, entweder der Sozialismus oder eine neue Barbarei sei, dass der Kapitalismus in Trümmern zu versinken und die menschliche Zivilisation mit sich in den Abgrund zu reißen droht. Aber im Lichte dessen, was sich in diesem Krieg entwickelt hat und sich in der Zukunft abzeichnet, denke ich, dass wir nun feststellen können, dass die Alternative noch präziser formuliert werden kann: Die Alternative, vor der die Menschheit steht, ist Sozialismus oder Vernichtung! Die Frage stellt sich so: Wird der Kapitalismus noch länger geduldet oder soll die Menschheit weiterhin auf diesem Planeten überleben.“

Die Regierung des US-Präsidenten Harry Truman, der die Atombombenabwürfe befohlen hatte, verkaufte sie der amerikanischen Öffentlichkeit als ein notwendiges und sogar humanitäres Mittel, um die Kapitulation Tokios zu erzwingen und dadurch eine blutige US-Invasion Japans zu verhindern.

Für eine kriegsmüde amerikanische Bevölkerung, die drei Monate vor den Bombenangriffen den Tag des Sieges in Europa (VE-Day) und die Niederlage des Nationalsozialismus gefeiert hatte, erwies sich Trumans Argument als wirksam. Die Befehle zur Entsendung von bis zu einer Million Soldaten von den Schlachtfeldern Europas zum Krieg im Pazifik wurden öffentlich. Darüber hinaus verheimlichte das US-Militär das wahre Ausmaß des Gemetzels in Hiroshima und Nagasaki.

Doch Trumans Behauptungen, die Atombombenabwürfe hätten eine „Viertelmillion“, „eine halbe Million“ oder sogar „eine Million“ amerikanische Leben gerettet, waren eine Lüge. Diese Schlussfolgerung wurde nicht allein von linken Kritikern des US-Imperialismus oder von „revisionistischen“ Historikern gezogen, sondern auch von führenden Vertretern der US-Regierung und des US-Militärs selbst, die ihre Überzeugung zum Ausdruck brachten, dass Japan bereit gewesen wäre, sich ohne die Atombombenangriffe oder eine Invasion zu ergeben.

Dwight D. Eisenhower, der Alliierte Oberkommandierende in Europa und spätere US-Präsident, schrieb in seinen Memoiren über seine Reaktion, als Kriegsminister Henry Lewis Stimson, ihm von den geplanten Bombenangriffen berichtete: „Während er die relevanten Fakten vortrug, war ich mir eines Gefühls der Depression bewusst, und so äußerte ich ihm gegenüber meine ernsten Bedenken. Erstens aufgrund meiner Überzeugung, dass Japan bereits besiegt und der Abwurf der Bombe vollkommen unnötig war, und zweitens, weil ich der Ansicht war, dass unser Land es vermeiden sollte, die Meinung der Weltöffentlichkeit durch den Einsatz einer Waffe zu schockieren, deren Einsatz als Mittel zur Rettung amerikanischer Leben, wie ich dachte, nicht mehr zwingend erforderlich war.“

Admiral William Leahy, der Chef des Generalstabs unter Präsident Truman, schrieb 1950 noch unverblümter als Eisenhower: „Der Einsatz dieser barbarischen Waffe in Hiroshima und Nagasaki half unseren Kriegsanstrengungen gegen Japan in keiner Weise. … Durch ihre Erstverwendung haben wir … uns den moralischen Standard von Barbaren des finstersten Mittelalters zu Eigen gemacht. Ich habe nicht gelernt, auf diese Weise Krieg zu führen, und Kriege werden nicht durch die Vernichtung von Frauen und Kindern gewonnen.“

Darüber hinaus bekannte Henry „Hap“ Arnold, General der US Air Force, im Jahr 1949: „Es schien uns immer, dass die Japaner – mit oder ohne Atombombe – bereits am Rande des Zusammenbruchs standen.“

1945 fing Washington bereits den japanischen Funkverkehr ab und war sich sehr wohl bewusst, dass das kaiserliche Regime seit dem Frühjahr desselben Jahres nach einer akzeptablen Form der Kapitulation suchte. Der japanische Kaiser selbst war bereit, mit seinem Militär zur Unterstützung des Kriegsendes einzugreifen. Die USA wiesen jedoch die japanischen Versuche, zu einem Frieden zu kommen, zurück und forderten stattdessen eine „bedingungslose Kapitulation“. Die einzige Bedingung, auf der Japan bestanden hatte, war die, dass Kaiser Hirohito auf dem Thron verbleiben und nicht – wie die überlebenden Führer des Dritten Reiches – als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt werden sollte. Am Ende stimmten die USA diesem Zugeständnis zu.

Im Jahr 1946 stellte das „United States Strategic Bombing Survey“, ein vom Kriegsministerium eingesetztes Beratergremium, fest: „Selbst ohne die Atombombenabwürfe hätte die Überlegenheit der US-amerikanischen Luftwaffe über Japan genügend Druck ausüben können, um eine bedingungslose Kapitulation herbeizuführen und eine Invasion unnötig zu machen … Japan hätte auch dann kapituliert, wenn die Atombomben nicht abgeworfen worden wären, auch wenn Russland nicht in den Krieg [gegen Japan] eingetreten und selbst wenn keine Invasion geplant oder in Erwägung gezogen worden wäre."

Die Atombombe und das Hegemoniestreben der USA

Wenn die Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki auch nicht notwendig waren, um den Zweiten Weltkrieg zu beenden, so stellten sie doch entscheidende Schritte auf dem Weg zu einem Dritten Weltkrieg dar – angetrieben von dem unerbittlichen Versuch des US-Imperialismus, seine globale Vorherrschaft durchzusetzen.

Die Bombenabwürfe stellten im wahrsten Sinne des Wortes Terrorakte dar. Die Bevölkerung Hiroshimas wurde gerade deswegen als Ziel ausgewählt, weil sie zuvor keinen konventionellen Bombenangriffen ausgesetzt gewesen war. Sie konnte daher als Versuchskaninchen dienen, um die entsetzlichen Auswirkungen der neuen Waffe zu demonstrieren. Aus den Protokollen des Interimsauschusses, der gebildet wurde, um über den Einsatz der Bombe zu bestimmen, geht hervor, dass Einigkeit darüber bestand, dass die Bombe mit dem Ziel eingesetzt werden sollte, „einen tiefgreifenden psychologischen Eindruck“ zu hinterlassen, und dass „das erstrebenswerteste Ziel eine kriegswichtige Fabrik mit einer großen Zahl von Arbeitern wäre, das in direkter Nähe von Arbeiterhäusern umgeben ist.“

Dieser Terror zielte darauf ab, nicht nur die japanische Bevölkerung einzuschüchtern, sondern die ganze Welt und in erster Linie die Sowjetunion, zusammen mit der Arbeiterklasse und den unterdrückten Massen aller Länder.

Die USA, Großbritannien und die Sowjetunion waren Verbündete im Krieg gegen Nazideutschland. Doch während sich die USA und Großbritannien im Krieg mit Japan befanden, hatten Moskau und Tokio von 1941 bis 1945 einen Neutralitätspakt eingehalten.

Auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945, an der neben US-Präsident Franklin D. Roosevelt auch der britische Premierminister Winston Churchill und der sowjetische Staatschef Joseph Stalin teilnahmen, stimmte Stalin zu, den Neutralitätspakt mit Japan zu brechen und innerhalb von drei Monaten nach der Niederlage Nazideutschlands gegen Japan in den Krieg zu ziehen. Für eine rasche Niederlage Japans galt die sowjetische Intervention als entscheidend. Stalin stützte sich auf die militärischen Opfer und Siege der Roten Armee und drängte auf die Anerkennung eines sowjetischen Einflussbereichs in Ost- und Mitteleuropa sowie auf die Kontrolle über die Mongolei und die asiatischen Gebiete, die Moskau im Russisch-Japanischen Krieg von 1905 verloren hatte.

Im April 1945 teilte Moskau Tokio mit, dass der Kreml sein Neutralitätsabkommen beende, und setzte den 8. August als Datum für den Kriegseintritt der Sowjetunion gegen Japan fest.

Während sie nun im Krieg gegen Japan scheinbar auf derselben Seite standen wie im Krieg gegen Deutschland, nahmen die Spannungen zwischen den imperialistischen Mächten, d. h. den USA und Großbritannien, auf der einen und der Sowjetunion auf der anderen Seite stetig zu. Trotz der stalinistischen Degeneration der UdSSR, in deren Verlauf die stalinistische Bürokratie die politische Macht der Arbeiterklasse an sich gerissen hatte, blieben die durch die Oktoberrevolution von 1917 geschaffenen Eigentumsverhältnisse bestehen. Und trotz Stalins größten Bemühungen, den imperialistischen Mächten entgegenzukommen, fand sich weder die britische noch die amerikanische herrschende Elite jemals mit der Existenz dieser Eigentumsverhältnisse ab, von denen sie befürchteten, dass sie die Arbeiterklasse international nach wie vor zu Revolutionen anspornen könnten.

Im Juli 1945 trafen sich die Führer der USA, Großbritanniens und der Sowjetunion erneut, dieses Mal in Potsdam. Die Konferenz war auf Veranlassung Trumans, der nach Roosevelts Tod im April 1945 das Amt des US-Präsidenten übernahm, verschoben worden. Truman spielte auf Zeit und wollte einen erfolgreichen Test der Atombombe in der Tasche haben, bevor er sich mit Stalin befasste.

Der Ton des neuen amerikanischen Präsidenten in Potsdam war ein deutlich anderer als der, mit dem Roosevelt in Jalta auftrat. Truman jubelte, dass er mit der Atombombe, die am 16. Juli 1945 in Alamogordo (New Mexico) zum ersten Mal erfolgreich getestet wurde, nun „einen Hammer gegen diese Kerle“ (gemeint sind die Sowjets) in der Hand halte. Der US-Präsident trat im Umgang mit Stalin, der durch sowjetische Informanten, die am Manhattan-Projekt beteiligt waren, sehr gut über die neue Waffe der USA informiert war, immer aggressiver und arroganter auf.

Die Potsdamer Konferenz endete mit dem Ultimatum, Japan solle sich sofort und bedingungslos ergeben oder ihm drohe die „sofortige und völlige Zerstörung“. Das Ultimatum wurde so formuliert, dass es von Tokio nicht akzeptiert und von den USA, Großbritannien und Chinas Chiang Kai-shek, nicht aber von der Sowjetunion unterzeichnet werden würde.

Was folgte, war ein verschärfter Drang danach, die Bomben einzusetzen und abzuwerfen. Dem Zeitplan dafür lag nicht etwa eine militärische Notwendigkeit im Hinblick auf eine Niederlage Japans zugrunde, sondern vielmehr das Bemühen, den Folgen des Kriegseintritts der Sowjetunion im Pazifik, einer möglichen Ausweitung des sowjetischen Einflusses in Asien und Japan selbst zuvorzukommen. So wurde die erste Bombe am 6. August abgeworfen, zwei Tage bevor die Sowjets ihre militärischen Operationen begannen, die zweite, einen Tag danach, am 9. August, bevor die japanische Regierung überhaupt Zeit hatte, die Vernichtung Hiroshimas zu begreifen oder darauf zu reagieren.

Als der US-Imperialismus den Zweiten Weltkrieg mit den Atombombenangriffen auf Hiroshima und Nagasaki beendete, strafte er alle Behauptungen Lügen, Amerika sei in den Krieg eingetreten, um für Demokratie zu kämpfen und Faschismus und Militarismus zu besiegen. Während Millionen von amerikanischen Arbeitern aus solchen demokratischen Überzeugungen heraus in den Krieg zogen, hatte die herrschende kapitalistische Elite ganz andere Ziele vor Augen.

Der amerikanische Historiker Gabriel Jackson bemerkte treffend, der Atombombenabwurf habe gezeigt, „dass ein psychisch ganz normaler und demokratisch gewählter Staatschef diese Waffe genau so benutzen konnte, wie es der Nazi-Diktator getan hätte. Auf diese Weise haben die Vereinigten Staaten – in den Augen derjenigen, die sich für moralische Unterschiede zwischen verschiedenen Regierungsformen interessieren – den Unterschied zwischen Faschismus und Demokratie verwischt."

Zwischen der bürgerlich-demokratischen Regierung in Washington und dem Nazi-Regime in Berlin bestanden zweifellos krasse politische Unterschiede, doch können diese nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide Seiten imperialistische Kriegsziele verfolgten. In Berlin war dies die Hegemonie über Europa, in Washington die Hegemonie über die Welt.

Am Ende erwies sich die Atombombe weniger als der „Hammer“, den Truman erhofft hatte. Bis August 1949 hatte die Sowjetunion ihre eigene Atombombe getestet. Auch war Washingtons Versuch, die Welt atomar zu terrorisieren, weder dazu imstande, die chinesische Revolution von 1949 aufzuhalten, noch die Flut von antikolonialen Massenkämpfe in der Nachkriegszeit.

Die Gefahr eines Atomkriegs

Im Koreakrieg hatte die Truman-Administration den Einsatz von Atombomben zwar erwogen, hielt sie sich aus Furcht davor, einen Atomkrieg mit Russland auszulösen, jedoch zurück. General Douglas MacArthur, der Kommandeur der US-Streitkräfte in Korea, drängte indessen weiterhin auf den Einsatz dieser Waffen.

Sowohl in der Berlin-Krise von 1961 als auch in der Kubakrise vom Oktober 1962 brachte die US-Regierung unter Präsident John Kennedy die Welt an den Rand eines apokalyptischen Atomkriegs. Auch in den 1980er Jahren, als die USA auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs massiv aufrüsteten, entging die Welt der Gefahr eines nuklearen Schlagabtauschs, der das Ende der menschlichen Gesellschaft hätte bedeuten können, bei mehreren Anlässen jeweils nur knapp.

Die Wahrheit ist, dass für jede US-Regierung seit Truman – egal, ob sie von einem Demokraten oder Republikaner geführt wurde – die Option eines Atomkrieges immer „auf dem Tisch“ lag.

Mit der Auflösung der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges vor fast drei Jahrzehnten hat sich die Vorstellung weit verbreitet, dass die Bedrohung durch einen nuklearen Holocaust in den Hintergrund getreten ist. Es könnte keine gefährlichere Illusion geben.

Nach jahrzehntelangen Kriegen, die Millionen Menschen in ehemaligen Kolonialländern von Korea und Vietnam bis zum Irak, Afghanistan, Libyen und Syrien das Leben gekostet haben, hat der US-Imperialismus seine Militärdoktrin grundlegend verändert. Statt des so genannten „Kriegs gegen den Terror“ steht nun die Vorbereitung auf einen „Großmacht“-Konflikt mit den atomar bewaffneten Rivalen Russland und China im Zentrum.

Die Obama-Administration initiierte ein eine Billionen Dollar schweres Programm zur Modernisierung der US-Atomwaffen. Unter Trump wurde dessen Umsetzung beschleunigt, während gleichzeitig praktisch jeder einzelne Atomwaffenkontrollvertrag aufgelöst wurde.

Die Rücksichtslosigkeit der US-Außenpolitik hat sich auf gefährliche Weise verschärft – von den provokativen Einsätzen der US Navy im Südchinesischen Meer bis hin zur Drohung, US-Truppen an der polnisch-russischen Grenze zu stationieren. Die treibenden Kräfte hinter dieser Eskalation sind die innenpolitische Krise des amerikanischen Kapitalismus sowie Washingtons verzweifelter Versuch, die globale Hegemonie mit militärischen Mitteln wieder in den Griff zu bekommen.

Die heutigen Strategen des US-Militärs vertreten den Standpunkt, dass ein Atomkrieg nicht nur legitim sei, sondern dass man einen solchen Krieg gewinnen könnte. So genannte taktische Nuklearwaffen mit geringer Reichweite, die kleiner sind als diejenigen, die auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, werden produziert und in die Arsenale aufgenommen – mit der Behauptung, sie könnten zur Vernichtung von Armeen eingesetzt werden, ohne dabei einen umfassenden Atomkrieg auszulösen. Seiner ganzen Logik nach würde ein Konflikt, in dem Atomwaffen eingesetzt würden, jedoch zu einer Eskalation führen, die außer Kontrolle geraten und in einen globalen Flächenbrand münden würde.

Die Herstellung solcher Waffen stellt nicht nur für Washingtons äußere Feinde eine Bedrohung dar. Schon jetzt reagieren Vertreter der US-Regierung auf Massenproteste damit, dass sie amerikanische Straßenzüge als „Schlachtfeld“ darstellen, das mit militärischer Gewalt „beherrscht“ werden soll. Es kann daher keineswegs ausgeschlossen werden, dass die herrschende Klasse der USA versuchen würde, solch abscheuliche Waffen gegen revolutionäre Aufstände der amerikanischen Arbeiterklasse einzusetzen.

In einem Artikel vom 3. August in Foreign Affairs,einer der wichtigsten Fachzeitschriften der USA für Außenpolitik,wies der ehemalige australische Premierminister Kevin Rudd auf die jüngsten Schließungen von Konsulaten und die Aufrufe von US-Regierungsvertretern zum Sturz der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) hin:

„Die Frage, die in den Hauptstädten der Welt heute hinter vorgehaltener Hand, aber gleichzeitig nervös gestellt wird, lautet: Wo wird das enden? Die Folge, die einmal undenkbar war – ein tatsächlicher bewaffneter Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und China –, scheint heute zum ersten Mal seit dem Ende des Koreakrieges möglich. Anders ausgedrückt, sind wir heute nicht einfach mit der Aussicht auf einen neuen Kalten Krieg konfrontiert, sondern auch mit der Aussicht auf einen heißen.“

Wenn dies die Frage ist, die in jeder Hauptstadt „hinter vorgehaltener Hand, aber gleichzeitig nervös“ gestellt wird, dann ist die wirkliche Frage natürlich nicht, ob ein solcher Krieg – gegen China, Russland oder sogar gegen einen vormaligen Verbündeten des US-Imperialismus in Europa – kommen wird, sondern wann und was getan werden kann, um ihn zu verhindern.

Die COVID-19-Pandemie und die sich vertiefende Wirtschaftskrise haben die Verzweiflung und Rücksichtslosigkeit der amerikanischen herrschenden Klasse nur noch verstärkt. Kriegsdrohungen und ein Krieg selbst werden zu Mitteln, um den immensen sozialen und politischen Druck, der sich in den Vereinigten Staaten aufbaut, nach außen abzuleiten.

Die Gefahr eines neuen Weltkrieges und nuklearer Vernichtung ist heute größer als je zuvor seit den Gräueltaten von Hiroshima und Nagasaki. Ein wirkliches Gedenken an den 75. Jahrestag der Atombombenangriffe auf Japan und die Ehrung der hunderttausenden unschuldigen Opfer ist nur möglich durch den Aufbau einer mächtigen Antikriegsbewegung der amerikanischen und internationalen Arbeiterklasse als Teil des globalen Kampfs für Sozialismus.

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