The Lancet warnt, dass Zahl der Toten in Gaza 186.000 überschreiten könnte

Die renommierte britische Fachzeitschrift für Medizin The Lancet warnt, dass die tatsächliche Zahl der Todesopfer des Völkermords in Gaza 186.000 oder mehr betragen könnte.

Diese erschütternde Zahl entspricht acht Prozent der Gesamtbevölkerung von Gaza. Auf die USA übertragen würde dieser prozentuale Anteil 26 Millionen Menschen entsprechen.

Massenbestattung von Palästinensern, die durch das israelische Militär getötet wurden, aufgenommen in Rafah im Gazastreifen am 30. Januar 2024 [AP Photo/Fatima Shbair]

Die Zahl ist eine Anklage gegen die USA und ihre imperialistischen Verbündeten, die Israels Völkermord in Gaza finanziert, mit Waffen beliefert und politisch verteidigt haben.

Die enorme Zahl an Todesopfern wurde durch die 14.000 2.000-Pfund-Bomben ermöglicht, die Israel von den USA geliefert wurden. Mit ihnen hat das israelische Militär nicht nur zehntausende Zivilisten massakriert, sondern auch alle Aspekte der Zivilisation in Gaza zerstört, was zum Tod von zehntausenden durch Unterernährung, übertragbare Krankheiten und fehlende medizinische Versorgung beigetragen hat.

Die offizielle Zahl der Todesopfer seit Beginn des israelischen Angriffs liegt laut der Regierung von Gaza bei 37.396. The Lancet weist jedoch darauf hin, dass diese Zahl weder die Tausenden von Menschen berücksichtigt, die unter den Trümmern verschüttet sind, noch die zahllosen Todesfälle durch die vorsätzliche Zerstörung der Lebensmittelversorgung, des Gesundheitswesens und der sanitären Einrichtungen in Gaza.

In ihrem am Freitag veröffentlichten Bericht „Die Toten in Gaza zu zählen ist schwer, aber wichtig“, stellt The Lancet fest:

Die Zahl der gemeldeten Toten ist wahrscheinlich zu niedrig angesetzt. Die Nichtregierungsorganisation Airwars kommt bei detaillierten Bewertungen von Vorfällen im Gazastreifen oft zu dem Ergebnis, dass nicht alle Namen von identifizierbaren Opfern in der Liste des Ministeriums enthalten sind. Zudem schätzen die Vereinten Nationen, dass bis zum 29. Februar 2024 35 Prozent der Gebäude im Gazastreifen zerstört wurden, sodass die Zahl der noch unter Trümmern verschütteten Leichen mit schätzungsweise mehr als 10.000 erheblich sein dürfte.

Die Zeitschrift erklärt weiter: „Für das Gesundheitsministerium von Gaza wird die Datenerfassung immer schwerer, weil ein Großteil der Infrastruktur zerstört wurde.“

Der Bericht warnt:

Angesichts der Intensität dieses Konflikts ist die Gesamtzahl der Toten voraussichtlich hoch. Gründe dafür sind die zerstörte Gesundheitsinfrastruktur, der gravierende Mangel an Nahrungsmitteln, Wasser und Unterkünften, die Unmöglichkeit für die Bevölkerung, an sichere Orte zu fliehen, und der Verlust von Finanzmitteln für das UNRWA, eine der wenigen humanitären Organisationen, die noch im Gazastreifen tätig sind.

The Lancet stellt fest:

In den Konflikten der jüngeren Vergangenheit lag die Zahl der indirekten Todesfälle drei- bis fünfzehnmal so hoch wie die Zahl der direkten Todesfälle. Wendet man eine konservative Schätzung von vier indirekten Todesfällen pro einem direkten Todesfall auf die 37.396 gemeldeten Todesfälle an, ist es nicht unwahrscheinlich, dass der derzeitige Konflikt in Gaza 186.000 Tote oder sogar mehr gefordert haben könnte. Legt man die für 2022 geschätzte Bevölkerungszahl des Gazastreifens von 2.375.259 zugrunde, würde dies 7,9 Prozent der Gesamtbevölkerung von Gaza entsprechen.

Die Schätzung des Lancet von 186.000 Todesopfern beruht also auf zwei Annahmen, welche die geschätzte Zahl der Toten eher senken würde. Zum einen die von der Regierung in Gaza gemeldete Zahl von 37.396 Toten, in der die unter Trümmern Verschütteten nicht berücksichtigt sind. Zudem multipliziert es diese Zahl mit vier, um die durch den Krieg verursachten „indirekten“ Todesfälle zu schätzen, statt die „direkten Todesfälle“ mit 15 zu multiplizieren, wie es in anderen Konflikten beobachtet wurde.

Es gibt Gründe, die Gültigkeit dieser niedrigen Schätzungen in Frage zu stellen, darunter die Tatsache, dass israelische Regierungsvertreter ausdrücklich ihre Absicht erklärt haben, die palästinensische Zivilbevölkerung durch Hunger und Krankheit zu töten.

Ashraf Abu Draz trauert um seine zwei Töchter, die bei einem israelischen Luftangriff auf Gaza getötet wurden. Aufgenommen in der Leichenhalle eines Krankenhauses in Rafah im südlichen Gazastreifen am 4. April 2024 [AP Photo/Fatima Shbair]

Im November veröffentlichte der ehemalige Vorsitzende des israelischen Nationalen Sicherheitsrats, Giora Eiland, einen Artikel, in dem er das israelische Militär dazu aufrief, medizinische Bedingungen zu schaffen, die den Tod möglichst vieler Zivilisten in Gaza durch vermeidbare Krankheiten verursachen würden. Er schrieb:

Wer sind die „armen“ Frauen von Gaza? Sie sind alle Mütter, Schwestern oder Frauen von Hamas-Mördern... Die internationale Staatengemeinschaft warnt uns vor einer humanitären Katastrophe in Gaza und schweren Epidemien. Wir dürfen davor nicht zurückschrecken, so schwer es auch sein mag. Schließlich werden schwere Epidemien im Süden des Gazastreifens den Sieg näher bringen und die Zahl der Opfer unter den IDF-Soldaten verringern.

Diese völkermörderische Rhetorik liegt auf einer Linie mit der Aussage des israelischen Verteidigungsministers Yoav Gallant: „Eine vollständige Belagerung... kein Strom, kein Wasser, keine Nahrungsmittel, kein Treibstoff. Wir kämpfen gegen menschliche Tiere, und wir handeln entsprechend.“

Die UN-Kommission, die den Völkermord im Gazastreifen untersucht, erklärte im vergangenen Monat in einem Bericht:

Israel hat Hunger als Kriegstechnik eingesetzt, wovon die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens für Jahrzehnte betroffen sein wird, mit besonders negativen Folgen für Kinder.

Der UN-Ausschuss kam zu dem Schluss:

Als dieser Bericht verfasst wurde, sind bereits Kinder an akuter Unterernährung und Dehydrierung gestorben. Durch die von ihm verhängte Belagerung hat Israel das Vorenthalten lebenswichtiger Güter als Waffe gebraucht, und die Lieferungen von Wasser, Nahrungsmitteln, Strom, Treibstoff und anderen wichtigen Gütern und humanitärer Hilfe unterbrochen. Hierbei handelt es sich um Kollektivbestrafung und Repressalien gegen die Zivilbevölkerung, die beide klare Verstöße [gegen internationales humanitäres Recht] darstellen.

Die Biden-Regierung, die den Völkermord im Gazastreifen vertuscht und verteidigt, hat den Tod von Zivilisten als unbeabsichtigte Folge von Israels „Krieg gegen die Hamas“ bezeichnet. Doch diese Behauptung wird durch die Äußerungen israelischer Regierungsvertreter widerlegt, die deutlich gemacht haben, dass sie einen Vernichtungskrieg gegen die Zivilbevölkerung führen.

Im Oktober erklärte der israelische Präsident Isaac Herzog:

Wir haben hier eine ganze Nation, die verantwortlich ist. Diese Rhetorik, die Zivilbevölkerung wüsste nichts und sei nicht beteiligt, ist nicht wahr... wir werden kämpfen, bis wir ihnen das Rückgrat gebrochen haben.

Im gleichen Monat erklärte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu: „Vergesst nicht, was Amalek euch angetan hat.“ Damit bezog er sich auf eine Bibelstelle, in der es heißt: „So zieh nun hin und schlag Amalek... verschone sie nicht, sondern töte Mann und Frau, Kinder und Säuglinge...“

Der Bericht von The Lancet macht deutlich, dass der Völkermord in Gaza zu den größten Akten imperialistischer Barbarei in der modernen Geschichte gehört. In weniger als einem Jahr haben die USA und die anderen imperialistischen Mächte Israel dazu verholfen, fast ein Zehntel der Bevölkerung eines der am dichtesten besiedelten urbanen Gebiete der Welt auszulöschen.

Dieses Verbrechen ist Teil eines globalen Ausbruchs imperialistischer Gewalt mit dem Ziel, die ganze Welt unter neokoloniale Herrschaft zu stellen. Dieses Vorhaben richtet sich vor allem gegen Russland und China. Die hohe Zahl der Todesopfer in Gaza muss als Warnung verstanden werden: Der Imperialismus ist zu jedem Verbrechen bereit, um seine räuberischen Interessen durchzusetzen.

Der Völkermord im Gazastreifen muss gestoppt werden! Am 24. Juli wird der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nach Washington, D.C., reisen, um seinen imperialistischen Zahlmeistern einen Fortschrittsbericht abzugeben. Wir rufen Arbeiter und Jugendliche auf, sich an der Demonstration und der Versammlung in Washington zu beteiligen, die die Socialist Equality Party für diesen Tag einberufen hat, als wichtigen Schritt im Aufbau einer Massenbewegung in der Arbeiterklasse gegen Krieg.

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