Am Samstag stellte David North, Vorsitzender der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site und nationaler Vorsitzender der Socialist Equality Party (US), auf der Leipziger Buchmesse die neu erschienene deutsche Übersetzung seines Buches „Ein Warnruf: Sozialismus gegen Krieg“ vor. Sein Beitrag findet sich hier. An dieser Stelle veröffentlichen wir die einleitenden Bemerkungen von Johannes Stern, dem Chefredakteur der deutschsprachigen Ausgabe der World Socialist Web Site.
Aufgrund eines Personenschadens auf der Bahnstrecke zwischen Berlin und Leipzig konnten North und Stern nicht persönlich anwesend sein. Aber ihre Beiträge wurden von Vertretern des Mehring Verlags vor Ort vorgetragen und stießen auf ein interessiertes Publikum.
Die deutsche Ausgabe „Ein Warnruf: Sozialismus gegen Krieg“ kann hier bestellt werden. Die englische Ausgabe ist hier erhältlich.
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Im Namen des Mehring-Verlags begrüße ich Euch alle herzlich zu unserer diesjährigen Veranstaltung auf der Leipziger Buchmesse. Ich bin Johannes Stern und ich freue mich sehr, dass wir mit David North erneut unseren wichtigsten Autor hier zu Gast haben.
Für all diejenigen, denen David noch nicht bekannt ist: Er ist – seit mittlerweile glaube ich ziemlich genau 55 Jahren – als revolutionärer Journalist, Historiker und politischer Führer der 1938 von Leo Trotzki gegründeten Vierten Internationale aktiv. Er leitet aktuell die internationale Redaktion der World Socialist Web Site und ist Vorsitzender der Socialist Equality Party in den USA. Das ist die Schwesterpartei der Sozialistischen Gleichheitspartei hier in Deutschland.
David ist der Autor zahlreicher wichtiger marxistischer Schriften und Bücher, von denen ich hier nur einige der prominentesten nennen kann: „Das Erbe, das wir verteidigen“, „Verteidigung Leo Trotzkis“, „Die Russische Revolution und das unvollendete Zwanzigste Jahrhundert“ , „30 Jahre Krieg: Amerikas Griff nach der Weltherrschaft 1990–2020“, „Die Logik des Zionismus: Vom nationalistischen Mythos zum Genozid in Gaza“ und „Leo Trotzki und der Kampf für Sozialismus im 21. Jahrhundert“, das Buch, das wir im letzten Jahr hier präsentiert haben.
All diese Bücher sind absolut essenziell und sie können alle an unserem Stand K111 hier in der Halle 5 käuflich erworben werden.
Davids neuestes Buch „Ein Warnruf: Sozialismus gegen Krieg“ ist von ganz besonderer Bedeutung. Dieses Buch ist eine Sammlung der Reden, die David North in den Jahren 2014 bis 2024 auf den Internationalen Online-Maikundgebungen der Vierten Internationale und der World Socialist Web Site gehalten hat.
Bei der Vorbereitung dieser einleitenden Bemerkungen habe ich Daves Buch erneut gelesen, und ich muss sagen, man ist bei der Lektüre vom fast prophetischen Charakter jeder einzelnen Rede beeindruckt.
Sie wurden alle vor dem Hintergrund der zentralen Ereignisse des letzten Jahrzehnts gehalten. Ich kann hier nur die wichtigsten nennen: Die ständige Eskalation von Krieg und Militarismus, die aktuell einen neuen Höhepunkt erreicht; die erste Wahl von Donald Trump und sein Aufstieg zur zentralen Figur im politischen Leben der USA; der Ausbruch der Coronapandemie vor fünf Jahren; Trumps erster Versuch, die Verfassung am 6. Januar 2021 zu stürzen; der Ausbruch des Ukraine-Kriegs im Frühjahr 2022; und schließlich der Beginn des israelischen Völkermords in Gaza im Herbst 2023.
Manchmal ist es für Autoren peinlich, mit ihren früheren Reden und Vorhersagen konfrontiert zu werden. Geschichte und Politik sind voller Überraschungen, und oft sind diejenigen, die Vorhersagen wagen, damit konfrontiert, dass sie durch die Ereignisse widerlegt werden. Das ist bei diesen Reden von David North nicht der Fall. Und tatsächlich hat alles, was David North schreibt, einen bemerkenswerten historischen, aber auch vorausschauenden Charakter. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass es gegenwärtig keinen anderen aktiven Schriftsteller gibt, der die Bedeutung der Ereignisse, die sich nun so explosiv entfalten, so klar und präzise verstanden hat.
Ich will ein paar Zitate aus dem Buch bringen, um Euch einen Eindruck davon zu geben.
Als das IKVI und die World Socialist Web Site im Jahr 2014 – einhundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs – zu ihrer ersten Internationalen Online-Maikundgebung aufriefen, warnte David:
Wer glaubt, ein Krieg gegen China und Russland wäre ein Ding der Unmöglichkeit und die imperialistischen Mächte würden keinen nuklearen Krieg riskieren, der macht sich etwas vor. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit seinen beiden katastrophalen Weltkriegen und seinen unzähligen und blutigen lokal begrenzten Konflikten hat zur Genüge gezeigt, welche Risiken die imperialistischen herrschenden Klassen einzugehen bereit sind. Sie sind sehr wohl bereit, die gesamte Menschheit und den Planeten Erde dem Untergang preiszugeben.
Im Gegensatz zur offiziellen Propaganda von Putins angeblich unprovoziertem Überfall auf die Ukraine analysiert North in seinen Reden die tatsächlichen historischen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Hintergründe des Kriegs. Schon 2014, als Washington und Berlin in der Ukraine einen rechtsextremen Putsch organisierten, um in Kiew ein prowestliches Regime zu installieren, erklärte er:
Die Verschwörer in Washington und Berlin wussten genau, dass dieses Vorgehen zu einer Konfrontation mit Russland führen würde. Weit davon entfernt, eine Konfrontation nach Möglichkeit zu vermeiden, erachten sowohl Deutschland als auch die USA einen Zusammenstoß mit Russland als notwendig, um ihren weitreichenden geopolitischen Interessen Geltung zu verschaffen.
Und konkret zur Rolle Deutschlands sagte er:
Dem deutschen Imperialismus bietet die Konfrontation mit Russland einen willkommenen Vorwand, die militärische Zurückhaltung abzustreifen, die er sich nach den ungeheuerlichen Verbrechen des Dritten Reichs auferlegen musste.
Dabei gehe es um „handfeste wirtschaftliche und geopolitische Interessen“. Wie schon im 20. Jahrhundert schaue Deutschland „heute erneut mit lechzendem Blick auf die Schwarzmeerregion, den Kaukasus, den Nahen Osten, Zentralasien und die riesigen Flächen Russlands“.
Seit dem ersten Golfkrieg 1990–1991 führen die Vereinigten Staaten ununterbrochen Krieg. Gestützt auf ein marxistisches Verständnis der Widersprüche des US- und des Weltimperialismus analysiert David North die Militärinterventionen und geopolitischen Krisen der letzten 30 Jahre.
Auch in Bezug auf den Völkermord in Gaza wies Dave das offizielle Narrativ zurück, dass sich Israel einfach gegen den Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 verteidige. In seiner Rede zum Maifeiertag 2024 sagte er:
Die völkermörderische Gewalt des israelischen Staates gegen die palästinensische Bevölkerung hat den Zorn von Arbeitern und Jugendlichen auf der ganzen Welt geweckt. Es muss jedoch anerkannt werden, dass der Völkermord in Gaza und der Krieg gegen Russland miteinander verbundene Fronten im globalen Krieg sind, den der Imperialismus entfesselt hat.
Ich könnte hier das gesamte Buch zitieren, weil wirklich jeder Rede genauso beeindruckend wie politisch relevant ist. Das geht natürlich aus Zeitgründen nicht. Und wir wollen ja unbedingt auch den Autor selbst zu Wort kommen lassen. Aber vielleicht noch ein letztes Beispiel, dass die analytische Stärke des Buchs meines Erachtens ganz besonders unterstreicht. Seine Einschätzung der Coronapandemie, die mittlerweile weltweit mehr als 30 Millionen Menschenleben gekostet hat.
In seiner Rede zum 1. Mai 2020 erklärte Dave:
Die Pandemie ist ein historisches Ereignis, das den wirtschaftlichen, politischen, sozialen und moralischen Bankrott der kapitalistischen Gesellschaft offenbart. Sie zeigt die unüberbrückbare Kluft zwischen den Oligarchen an der Spitze der Konzerne und Finanzunternehmen, die die Politik der kapitalistischen Regierungen bestimmen, und den Bedürfnissen und Interessen der Arbeiterklasse.
Er bezeichnete die Pandemie als Trigger Event, als „auslösendes Ereignis“, und verglich sie mit dem Attentat auf den österreichischen Erzherzog Ferdinand am 28. Juni 1914, also dem Ereignis, das zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte. Er sagte:
Das Attentat beschleunigte den historischen Prozess, aber es entfaltete seine Wirkung auf bereits bestehende, höchst explosive sozioökonomische und politische Gegebenheiten. Dasselbe gilt für die Pandemie.
Und er betonte, dass der Kampf gegen die Pandemie nicht nur eine medizinische Frage sei, sondern – genauso wie der Kampf gegen soziale Ungleichheit, Krieg, Faschismus und Diktatur – eine Klassenfrage und eine revolutionäre Frage.
Damit will ich an unsere Autor übergeben, aber schon jetzt jedem hier empfehlen, das Buch zu kaufen, genau zu studieren und auf dann auch politisch aktiv zu werden. Norths gesammelte Reden zum Maifeiertag sind nicht einfach Beobachtungen und Warnungen eines passiven Analysten. Sie sind der konzentrierte Ausdruck des aktiven Kampfs der trotzkistischen Weltbewegung gegen Imperialismus und Krieg im letzten Jahrzehnt, der jetzt mit aller Kraft entwickelt werden muss, um eine Katastrophe zu verhindern.
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Lies hier die Rede von David North. Und bestelle hier deine Ausgabe von „Ein Warnruf: Sozialismus gegen Krieg“.
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