Erfolgreiche Veranstaltung an der Berliner Humboldt-Universität fordert Freiheit für Bogdan Syrotjuk

Am Donnerstagabend versammelten sich rund 30 Studierende und Arbeiter an der Berliner Humboldt-Universität zu einer Veranstaltung der International Youth and Students for Social Equality (IYSSE) unter dem Titel „Freiheit für den sozialistischen Kriegsgegner Bogdan Syrotjuk! Stoppt den Ukrainekrieg!“.

Veranstaltung für die Freilassung von Bogdan Syrotjuk, 28. Mai 2026

Bogdan Syrotjuk, heute 27 Jahre alt, wurde am 25. April 2024 vom ukrainischen Geheimdienst SBU verhaftet, weil er für die Vereinigung der ukrainischen und russischen Arbeiterklasse gegen den Krieg eintritt. Die Regierung wirft ihm „Hochverrat unter Kriegsrecht“ vor – ihm droht lebenslange Haft.

Die Veranstaltung fand zu einem Zeitpunkt statt, an dem der Prozess gegen Bogdan an einem kritischen Wendepunkt steht. Mittlerweile haben zwei Fachgutachten den Kern der Anklage, dass Bogdan russische Propaganda verbreite, als haltlos entlarvt.

Die internationale Kampagne für die Freilassung Bogdans stößt in Deutschland auf immer größere Resonanz. Wie die WSWS berichtete, hat sein Fall in den vergangenen Wochen an Universitäten und in Arbeitervierteln wachsende Aufmerksamkeit gewonnen.

Der Fall Bogdan Syrotjuk

Katja Rippert, führendes Mitglied der IYSSE und der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP), eröffnete die Veranstaltung mit einem detaillierten Bericht über den Fall Bogdan Syrotjuk und seine politische Bedeutung. Sie legte dar, dass Bogdan als führendes Mitglied der trotzkistischen Jugendorganisation „Junge Garde der Bolschewiki-Leninisten“ von Anfang an eine internationalistische Position zum Ukrainekrieg einnahm – gegen die NATO und das Selenskyj-Regime ebenso wie gegen das russische Putin-Regime.

Sie zeigte dem Publikum die Rede Für die Einheit der russischen und ukrainischen Arbeiterklasse!“, die Bogdan auf der Onlinekundgebung des IKVI zum 1. Mai 2023 gehalten hatte. Bei seiner Verhaftung ein Jahr später wurde eben diese Rede sowie mehrere weitere Dokumente vom SBU als „Beweismaterial“ beschlagnahmt.

Stepan Geller und Andrei Ritsky an der Internationalen Online-Kundgebung zum 1. Mai 2023

Wie Rippert ausführte, stützt sich die Anklage vor allem auf Artikel von Bogdan und Erklärungen der World Socialist Web Site. Im Zentrum stehe der Vorwurf, dass die WSWS eine „russische Propaganda- und Informationsagentur“ sei. Gleichzeitig erkläre die Staatsanwaltschaft, dass die WSWS „die wichtigsten gesellschaftspolitischen Probleme auf der ganzen Welt vom Standpunkt des revolutionären Widerstands gegen die kapitalistische Marktwirtschaft aus behandelt, mit dem Ziel, durch eine sozialistische Revolution den Weltsozialismus zu errichten“.

Rippert machte deutlich, was diese Formulierung bedeutet:

Die Anklage richtet sich nicht einfach gegen einen einzelnen jungen Kriegsgegner. Sie richtet sich gegen einen bewussten und entschlossenen Vertreter einer politischen Bewegung, die aus Sicht der ukrainischen Bourgeoisie und ihrer Hintermänner in den USA, Deutschland und der ganzen NATO eine Gefahr darstellt.

Doch obwohl zwei Gutachten die Anklage widerlegen und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte den Fall angenommen habe, werde die Haft immer wieder verlängert.

Das diktatorische Selenskyj-Regime verfolge nicht nur Bogdan, sondern unterdrücke die gesamte Opposition im Land, betonte Rippert. Praktisch alle Oppositionsparteien seien verboten, Wahlen ausgesetzt, Presse- und Meinungsfreiheit abgeschafft. Auf der Straße spürten maskierte Schlägertrupps in Kleinbussen Männer auf, um sie als Kanonenfutter an die Front zu zwingen. Für diese Praxis habe sich in der Ukraine der Begriff „Busifikacija“ entwickelt, der 2024 sogar „Wort des Jahres“ in der Ukraine wurde. Zahlreiche Videos auf Social Media zeigen diese gewaltsame Zwangsrekrutierung:

Loading Tweet ...
Tweet not loading? See it directly on Twitter

In der Bevölkerung nehme der spontane Widerstand gegen den Krieg zu, so Rippert. Im Januar habe der ukrainische Verteidigungsminister offiziell eingeräumt, dass sich rund zwei Millionen Ukrainer der Wehrpflicht entziehen und 200.000 Soldaten desertiert sind. „Die in den Medien verbreitete Behauptung, alle Ukrainer führen einen nationalen, patriotischen Verteidigungskrieg, ist ein Propagandamärchen“, schlussfolgert Rippert. „Tatsächlich ist es ein Klassenkrieg“.

Das Selenskyj-Regime rehabilitiere auch die ukrainischen Nazi-Kollaborateure. Erst vor wenigen Tagen habe das Regime die feierliche Umbettung von Andrij Melnyk in die Ukraine begangen – einem Hauptführer der faschistischen OUN, die mit Hitlers Wehrmacht kollaborierte und Massaker an Juden und Polen verübte. Selenskyj habe den Kriegsverbrecher Melnyk als „ukrainischen Helden“ bejubelt.

Die Verfolgung von Opposition sei ein internationales Phänomen, erklärte Rippert und ging auf die Angriffe auf demokratische Rechte in den USA, Deutschland und Russland ein. Sie schloss mit einem Appell, die Kampagne für die Freilassung von Bogdan Syrotjuk auszuweiten und den Aufbau von revolutionären Parteien in der Ukraine und Russland zu unterstützen.

Der Ukrainekrieg und die Rolle des deutschen Imperialismus

Peter Schwarz, Sekretär des Internationalen Komitees der Vierten Internationale und langjähriger Chefredakteur der deutschsprachigen WSWS, analysierte anschließend die historischen und geopolitischen Hintergründe des Krieges. Er betonte, dass der Krieg nicht aus der Bösartigkeit Putins erklärt werden könne. „Um Armeen in Gang zu setzen, braucht es gewaltige gesellschaftliche Ursachen und Kräfte.“ Der Ukrainekrieg sei Teil eines sich entfaltenden Dritten Weltkriegs zusammen mit dem Völkermord in Gaza, dem Krieg gegen den Iran und der Umzingelung Chinas.

Schwarz zeigte auf, wie die NATO-Mächte den Ukrainekrieg systematisch vorbereitet haben: die Ausdehnung der NATO seit 1990 nach Osten, die trotz ausdrücklicher Versprechen bis an Russlands Grenzen vorangetrieben wurde, der Maidan-Putsch von 2014, der keine spontane Demokratiebewegung war, sondern ein von den USA mit fünf Milliarden Dollar finanzierter Regimewechsel, bei dem Faschisten wie der „Rechte Sektor“ und das Asow-Bataillon die entscheidende Rolle spielten. In den Folgejahren habe die NATO während des Bürgerkriegs in der Ostukraine die ukrainische Armee systematisch aufgerüstet. Die russische Militärintervention 2022 war, so Schwarz, „absehbar und gewollt – und von NATO-Seite gezielt provoziert“. Die Warnungen seien bewusst ignoriert worden.

Diese Opposition zur NATO bedeute nicht die Verteidigung Russlands: „Putin ist ein Vertreter der Oligarchen, die das gesellschaftliche Eigentum geplündert, gestohlen und zerstört haben. Wir sind unversöhnliche Gegner seines Regimes und seines Kriegs.“ Doch die Frage sei nicht, wer den ersten Schuss gefeuert habe, sondern in wessen Interessen dieser Krieg geführt werde. „Kiew und Berlin wollen nicht Frieden – sondern die Niederlage Russlands, egal was es kostet.“

Deutschland spiele dabei eine Schlüsselrolle. Schwarz zitierte den damaligen Außenminister Klaus Kinkel (FDP), der bereits 1993 erklärt habe, Deutschland sei „prädestiniert, den Hauptvorteil aus der Rückkehr dieser Staaten nach Europa zu ziehen“. Mit über 100 Milliarden Euro seit Kriegsbeginn sei Deutschland heute der wichtigste europäische Geldgeber des Ukrainekriegs. Der Verteidigungshaushalt steige von 32 Milliarden Euro im Jahr 2014 auf 152 Milliarden im Jahr 2029. „Das ist die größte Aufrüstung seit Hitler. Deutschland dringt in dieselbe Richtung vor wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg.“

Anschließend folgte eine lebhafte Diskussion. Eine Teilnehmerin stellte die Frage, ob die WSWS-Analyse, dass der Krieg von der NATO provoziert worden sei, nicht bedeute, dass russische Angriffe auf andere europäische Länder geduldet werden müssten.

„Man kann die Frage vom Krieg nicht danach beantworten, wer den ersten Schuss abgefeuert hat“, antwortete Schwarz. „In jedem Krieg wird immer gesagt: Wir sind der Verteidiger, der andere ist der Angreifer. Selbst Hitler hat das gesagt.“ Auch im ersten Weltkrieg sei behauptet worden „Russland greift uns an“ – obwohl jedes Geschichtsbuch belege, dass die deutschen Kriegspläne gegen Russland jahrelang vorbereitet wurden. Entscheidend sei das Verständnis der gesellschaftlichen Triebkräfte des Kriegs.

Zudem sei Russland in den letzten vier Jahren nicht in der Lage gewesen, die Ukraine zu besiegen, und werde jetzt nicht Deutschland angreifen, so Schwarz. „Aber wenn Deutschland so weitermacht, wird es irgendwann zum Atomkrieg kommen – und das wollen wir verhindern.“

Eine Studentin von der Post Soviet Left (PSL), einer Organisation von linken Migranten aus verschiedenen postsowjetischen Ländern, bedankte sich in der Diskussion für den Vortrag und die Kampagne des IKVI in Verteidigung Bogdans. Sie erklärte „Viele werden schnell begreifen, dass der Krieg nicht im Interesse der Menschen ist und am Ende des Tages wird die Wahrheit siegen, glaube ich. Das hat die Geschichte schonmal gezeigt.“

Ein anderer Diskussionsteilnehmer warf die Frage auf, ob die revolutionäre Perspektive des IKVI nicht im Widerspruch zur unmittelbaren politischen Lage der Arbeiterklasse stehe, die desorganisiert sei. Peter Schwarz antwortete, dass gerade die zunehmende Kriegsgefahr, der Zerfall der Demokratie und die verschärften Angriffe auf die Arbeiterklasse die Bedingungen für eine sozialistische Gegenbewegung schaffen. Er verwies auf die Serie von Generalstreiks in Italien und die massenhafte Desertion in der Ukraine als Ausdruck des wachsenden Widerstands. „Die Arbeiterklasse wird es nicht kampflos hinnehmen.“

Teilnehmer der Veranstaltung an der Humboldt-Universität stimmen für eine Resolution für die Freiheit von Bogdan Syrotjuk, 28. Mai 2026

Am Ende der Veranstaltung verabschiedeten die Anwesenden eine Resolution, die die sofortige Freilassung Bogdan Syrotjuks und aller anderen politischen Gefangenen in der Ukraine fordert und die Beschleunigung der Prüfung seines Falls durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verlangt. Die Resolution macht deutlich: Bogdan sitzt nicht wegen einer Straftat im Gefängnis, sondern weil er für die internationale Einheit der Arbeiterklasse gegen den Krieg eintritt.

Im August erscheint im Mehring Verlag das Buch Der Ukrainekrieg und der Kampf für Sozialismus. Der Fall Bogdan Syrotjuk, das bereits jetzt vorbestellt werden kann. Darin werden erstmals Bogdans eigene Texte, Erklärungen des Internationalen Komitees der Vierten Internationale zu Bogdans Fall sowie Analysen zum Ukrainekrieg und zur Rolle des deutschen Imperialismus veröffentlicht.

Die Kampagne für Bogdans Freilassung muss in den kommenden Wochen und Monaten ausgeweitet werden. Jeden, der Bogdans Freiheit und den Aufbau einer Antikriegsbewegung unterstützen will, rufen wir auf, die Petition unter wsws.org/freebogdan zu unterzeichnen und sich am Kampf der IYSSE zu beteiligen!

Wir laden alle Interessierten ein, zur nächsten Veranstaltung der IYSSE zu kommen: „Wissenschaft statt Kriegspropaganda: Wie können wir gegen Wehrpflicht, Krieg und die Kürzungen an unserer Uni kämpfen?“, Donnerstag, 11. Juni 2026, 18:30 Uhr, Humboldt-Universität Berlin, Hauptgebäude, Unter den Linden 6, Raum 1072.

Loading