Die dritte Hitzewelle innerhalb von sechs Wochen wütet in Europa und hat tödliche Waldbrände ausgelöst. Parallel werden die Opferzahlen der ersten beiden Hitzewellen gerade erst erfasst.
In Südspanien wurden mindestens 13 Menschen vom Feuer eingeschlossen, zehn weitere werden noch vermisst. Die Flammen haben mehr als 55.000 Hektar Land verwüstet, doppelt so viel wie der Durchschnittswert für diese Jahreszeit in den letzten zwei Jahrzehnten.
In Frankreich kam ein 22-jähriger Feuerwehrmann bei der Bekämpfung eines Brands in den Alpen ums Leben. Hunderte Einsatzkräfte versuchen, Brände an der spanischen Grenze und im Wald von Fontainebleau, nur rund 65 Kilometer südöstlich von Paris, unter Kontrolle zu bringen. Insgesamt wurden in ganz Frankreich mehr als 35.400 Hektar niedergebrannt, viermal mehr als der jüngste Durchschnittswert.
Auch in Portugal, Italien, Griechenland, Großbritannien und anderen Ländern sind Brände ausgebrochen. Bisher sind europaweit 155.569 Hektar abgebrannt. Das ist zwar weniger als die 228.098 Hektar im letzten Jahr zu diesem Zeitpunkt, aber 2025 war auch das Jahr mit den schlimmsten Flächenbränden in der Geschichte Europas. Wissenschaftler befürchten, dass aufgrund des frühen Beginns der Waldbrände in diesem Jahr das Ausmaß des Vorjahres noch übertroffen werden könnte.
Im Mai erreichten die Temperaturen bereits das Niveau einer Hitzewelle und stiegen im Folgemonat erneut stark an, was zum heißesten Juni führte, der in Westeuropa je verzeichnet wurde – ganze 3,06 Grad Celsius über dem Durchschnitt der letzten Jahrzehnte. Fast 100 Millionen Menschen waren Temperaturen von 40 Grad ausgesetzt. Weltweit war der Juni 2026 der zweitwärmste Juni seit Beginn der Aufzeichnungen.
Laut aktuellen Schätzungen des Projekts EuroMOMO, das die europaweiten Sterblichkeitsraten überwacht, gab es bisher etwa 10.600 Hitzetote, darunter über 5.000 in Deutschland, mehr als 2.700 in Großbritannien und über 2.000 in Frankreich. Andere Schätzungen liegen noch höher: Eine Analyse von Politico beziffert die Zahl der zusätzlichen Todesfälle allein während der Hitzewelle im Juni in sechs Ländern auf 14.000.
Zu diesen Zahlen, die voraussichtlich noch nach oben korrigiert werden, dürften weitere Opfer der aktuellen Hitzewelle hinzukommen. In Barcelona wurde mit 40,5 Grad bereits ein neuer Rekord aufgestellt. In Teilen von Italien werden 43 Grad erwartet.
Todesfälle gehen nicht nur auf die Hitze selbst zurück, sondern auch auf deren Auswirkung auf die Luftverschmutzung. So sind u.a. die Ozonwerte stark angestiegen. Ozon entsteht in Bodennähe durch Reaktionen anderer Schadstoffe bei hohen Temperaturen.
Laut einer Analyse von Global Witness waren bis zu 300 Millionen Menschen Ozonwerten oberhalb des von der WHO empfohlenen Grenzwerts ausgesetzt, darunter 59 Millionen Kinder und 82 Millionen Senioren über 65 Jahren. Die Organisation fügt hinzu, dass im Jahr 2023 etwa 63.000 Menschen aufgrund der Ozonbelastung, die schwere Schäden an den Atemwegen verursacht, gestorben sind.
Die WHO geht davon aus, dass allein in den letzten vier Jahren in ganz Europa etwa 200.000 Menschen durch extreme Hitze ums Leben gekommen sind. Ein Großteil dieser Todesfälle sei, ihrer Ansicht nach, „völlig vermeidbar“ gewesen. Sie wurden jedoch nicht vermieden, weil Konzerne und ihre nationalen Regierungen den Gewinnen Vorrang vor dem Schutz von Menschenleben einräumen.
Seit der verheerenden Hitzewelle von 2003 wurden einige Maßnahmen ergriffen. Laut einer Studie, die 2024 in der Zeitschrift Nature erschien, hätte die Hitzewelle im Jahr 2022 ohne diese Maßnahmen europaweit 80 Prozent mehr Todesopfer gefordert. Doch durch die Geschwindigkeit der globalen Erwärmung sind deutlich mehr Menschen gefährlichen Temperaturen ausgesetzt.
Der französische Hohe Rat für das Klima, ein Expertengremium, äußerte sich in einem vergangene Woche veröffentlichten Bericht eindeutig. Er warnte, das Land sei „nicht bereit“ für die Folgen, und beschrieb die derzeitige Politik als „unzureichend“. Das Gremium forderte die dringende Einrichtung von beschatteten Grünflächen und Kühlzentren, die Installation von Fensterläden und Markisen sowie von Klimaanlagen in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Schulen. Die WHO gab die gleichen Empfehlungen heraus.
Die Pflanzung zusätzlicher Bäume in städtischen Bereichen ist eine der wirkungsvollsten Methoden; der Weltklimarat (IPCC) hebt dabei insbesondere die Vorteile für die Kühlung, die Luftqualität und die CO2-Bindung hervor. Der Baumbestand ist jedoch in allen großen Städten in OECD-Staaten zwischen 1992 und 2018 um 72 Prozent zurückgegangen.
In Nature erschien vor kurzem eine Studie, laut der bei mehr als 80 Prozent der Wohn- und Arbeitsstätten in 25 Städten in Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland, Portugal, Griechenland und Großbritannien der Baumbestand im unmittelbaren Umfeld zu gering war, um einen spürbaren Kühleffekt zu erzielen. In Rom lagen 85 Prozent der Gebäude unter dem Schwellenwert, in London 93 Prozent, in Paris 96 Prozent.
Dies hat potenziell enorme Auswirkungen. Belgische Behörden melden, dass die nächtlichen Temperaturen in ärmeren, dichter bebauten und besiedelten Gebieten Brüssels neun Grad höher liegen als in den grüneren, wohlhabenderen Stadtteilen.
In Großbritannien hat der Kapitalismus eine Gesellschaft hervorgebracht, in der die ärmsten Teile der Bevölkerung im Winter „Wärmetafeln“ und im Sommer „Kühltafeln“ brauchen – in Anlehnung an die ganzjährig notwendigen Lebensmitteltafeln.
Die europäischen Regierungen sind nicht in der Lage, ihre Bevölkerung vor den Folgen des Klimawandels zu schützen, befeuern aber gleichzeitig dessen Ursachen. Nach einer Reihe von Rückschritten reichen die klimapolitischen Ziele der Europäischen Union nicht mehr aus, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad über dem vorindustriellen Durchschnitt zu begrenzen.
Ihre Zielvorgabe, bis 2035 die Emissionen um 66,25 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 zu senken, liegt unterhalb der 77 Prozent, die für eine Erwärmung um nur 1,5 Grad notwendig wären. Das EU-Ziel einer Verringerung um 90 Prozent bis 2040 reicht kaum aus und beruht auf Schlupflöchern bei den Emissionszertifikaten, wodurch die tatsächliche Verringerung eher bei 85 Prozent liegt.
Alle diese Zielvorgaben bleiben deutlich hinter dem zurück, was als „gerechter Anteil“ der EU gelten müsste – gemessen an ihrer historischen Verantwortung für den Treibhausgasausstoß und ihrem wirtschaftlichen Entwicklungsstand.
All dem liegt die unrealistische Annahme zugrunde, dass die Zielvorgaben eingehalten werden. Jüngsten Prognosen zufolge wird Deutschland sein Ziel für 2030 um 100 Millionen Tonnen CO₂ verfehlen – mehr als ein Viertel höher als geplant. Frankreich müsste seine Emissionen um 4,6 Prozent pro Jahr verringern – dreimal schneller, als es dem Land bislang gelungen ist. Auch Großbritannien und insbesondere Italien bleiben hinter den Zielen zurück.
Die Gründe dieses Versagens, das für hunderte Millionen Menschen in Europa weitere Jahrzehnte der Hitzewellen, Waldbrände und anderer Umweltkatastrophen bedeutet, liegen im zunehmenden wirtschaftlichen Konkurrenzkampf zwischen den Großmächten, der militärischen Aufrüstung und den enormen Gewinnen der fossilen Energiekonzerne.
Laut einer Analyse der London School of Economics wollen elf der größten börsennotierten Öl- und Gaskonzerne – darunter die europäischen Unternehmen Shell, BP, TotalEnergies und Equinor – ihre Produktion von 2024 bis 2030 um durchschnittlich 14 Prozent erhöhen.
Klimawissenschaftler sind sich einig, dass es langfristig keine weiteren Erschließungen von Öl- und Gasvorkommen geben darf, wenn die globale Erwärmung auf unter zwei Grad gehalten werden soll. Doch das ist den superreichen Aktionären dieser Konzerne egal, da ihr Reichtum sie vor den Folgen schützt. Ihnen geht es nur darum, ihre Konkurrenten im Kampf um jeden Cent Gewinn auszustechen.
Es winken riesige Vermögen. Sechs der führenden europäischen Ölkonzerne erwirtschafteten im ersten Quartal 2026 Gewinne in Höhe von 21,7 Milliarden US-Dollar – ein Anstieg um 43 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, vor allem dank des Irankriegs. Das letzte Mal, dass sie in einem einzigen Quartal mehr Geld verdient haben, war laut Global Witness nach Beginn des Ukrainekriegs 2022. Seither haben sie 252 Milliarden Dollar eingenommen.
Ein Bruchteil dieses Gelds reicht aus, um eine unablässige Lobbykampagne zu finanzieren und an neun von zehn Tagen im Jahr mindestens einen Lobbyisten der fossilen Energiebranche ins Europäische Parlament zu schicken, wie Reclaim Finance berichtet. Und das ist nur die Spitze eines Eisbergs von Schmiergeldern, Jobangeboten und nicht deklarierten Geschenken.
