Der YouTube-Kanal No2Nato No2War hat ein ausführliches Interview mit Johannes Stern, Chefredakteur der deutschsprachigen Ausgabe der World Socialist Web Site und führendem Mitglied der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP), über den Fall des inhaftierten ukrainischen Sozialisten Bogdan Syrotjuk und die internationale Kampagne für seine sofortige Freilassung veröffentlicht. No2Nato No2War wurde Anfang 2023 unter maßgeblicher Beteiligung der Workers Party of Britain ins Leben gerufen, die von George Galloway geführt wird.
In dem mehr als 50-minütigen Interview ging es auch um die massive deutsche Aufrüstung, die Militarisierung von Schulen und Universitäten, den Wahlerfolg der rechtsextremen Alternative für Deutschland (AfD) und die sich verschärfende soziale Krise, die in Massenentlassungen in der gesamten deutschen Industrie zum Ausdruck kommt.
Zu Beginn der Diskussion beschrieb Stern den historischen Charakter der Wiederkehr des deutschen Militarismus.
„Was sich viele Menschen vielleicht lange Zeit nicht vorstellen konnten – dass nach zwei Weltkriegen im 20. Jahrhundert der deutsche Militarismus nun auf die europäische Bühne, auf die Weltbühne zurückkehrt“, sagte Stern. Diese Transformation, erklärte er, erfasse die gesamte Gesellschaft, einschließlich der Universitäten und Schulen.
Er verwies auf die wachsende Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und Universitäten, den Einsatz militärischer „Jugendoffiziere“ in Klassenzimmern und die Rekrutierung Minderjähriger für die Streitkräfte. Gleichzeitig betonte er den erheblichen Widerstand unter jungen Menschen, der in Schulstreiks gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht und gegen Militarismus zum Ausdruck kommt.
Der zentrale Teil des Interviews konzentrierte sich auf den Fall Bogdan Syrotjuk.
Der 27-jährige Gründer und Leiter der Jungen Garde der Bolschewiki-Leninisten (JGBL), einer sozialistischen Jugendorganisation, die in der Ukraine, Russland und anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion aktiv ist, wurde am 25. April 2024 vom ukrainischen Geheimdienst SBU verhaftet. Am 10. August 2026 wurde er vom Stadtbezirksgericht Perwomajsk wegen „Hochverrats unter Kriegsrecht“ zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt.
Stern skizzierte Bogdans politische Entwicklung und erklärte, dass er sowohl die russische Invasion in der Ukraine als auch die NATO-Kriegspolitik ablehnte, die dem Konflikt vorausging und ihn anheizte. Bogdan wies den Nationalismus auf beiden Seiten zurück und kämpfte für die Einheit russischer und ukrainischer Arbeiter gegen die oligarchischen Regime in beiden Ländern und für eine international-sozialistische Perspektive.
Das Urteil selbst, erklärte Stern, mache den politischen Charakter der Verfolgung besonders deutlich. Die ursprüngliche Behauptung, Bogdan sei ein „russischer Agent“, wurde niemals durch Beweise untermauert. Stattdessen wurden sein Journalismus, seine politischen Schriften und seine Zusammenarbeit mit der WSWS in angebliche Akte des Verrats verwandelt.
„Was ist der politische Verrat?“, fragte Stern. „Es ist keine Sabotage. Es ist kein Verrat militärischer Geheimnisse. Es ist das Schreiben für die World Socialist Web Site, politische Stellungnahmen, sozialistische Stellungnahmen gegen den Krieg, Opposition gegen den ukrainischen Faschismus.“
Zu den Schriften, die gegen Bogdan angeführt wurden, gehörten Artikel, die sich gegen die Rehabilitierung von Stepan Bandera und anderen ukrainischen nationalistischen Kräften richteten, die während des Zweiten Weltkriegs mit Nazi-Deutschland kollaboriert hatten.
Die Entwicklungen seit der Aufzeichnung des Interviews haben die Dringlichkeit der Kampagne für Bogdans Freiheit weiter unterstrichen.
Am 9. September legten seine Anwälte zwei getrennte Berufungen gegen das Urteil ein. Eine 24-seitige Eingabe eines seiner Verteidiger bezeichnet das Urteil als „rechtswidrig und unbegründet“ und weist nach, dass die Anklage keinerlei Beweise dafür vorgelegt hat, dass Bogdan Russland oder irgendeinen anderen ausländischen Staat bei subversiven Aktivitäten unterstützt habe. Stattdessen stützte sich der Fall auf seine politischen Ansichten, seinen Journalismus, seine Übersetzungen und seine redaktionelle Zusammenarbeit mit der WSWS.
Nur wenige Stunden später, in der Nacht vom 9. auf den 10. September, schlug eine Drohne in die Untersuchungshaftanstalt von Nikolajew ein, in der Bogdan weiterhin inhaftiert ist. Nach den vorliegenden Informationen wurden Bogdan und die anderen Gefangenen nicht verletzt. Die WSWS hat weder die Herkunft der Drohne noch die Frage, ob das Gefängnis selbst gezielt angegriffen wurde, unabhängig festgestellt. Doch der Vorfall zeigt eindringlich, welcher Gefahr Bogdan jeden Tag ausgesetzt ist, den er inmitten eines eskalierenden Krieges in Haft bleibt.
Stern hatte bereits im Interview vor den Gefahren gewarnt, die mit dem Urteil und Bogdans Inhaftierung verbunden sind.
„Er steht jetzt vor einer sehr ernsten, tatsächlich lebensbedrohlichen Strafe angesichts des ukrainischen Gefängnissystems“, sagte er. „Eine 15-jährige Haftstrafe kann ein Todesurteil sein.“
Bogdan litt bereits vor seiner Verhaftung an ernsthaften gesundheitlichen Problemen, und ihm wurde über längere Zeiträume in der Haft die notwendige medizinische Behandlung verweigert. Nach dem Urteil besteht zusätzlich die Gefahr, dass er aus der Untersuchungshaft in eine noch härtere Strafanstalt verlegt wird.
Ein Schwerpunkt des Interviews war daher die internationale Kampagne für seine Freilassung.
Zum Zeitpunkt des Interviews hatten mehr als 7.500 Menschen die Petition unterzeichnet. Inzwischen ist die Zahl auf über 8.000 Unterzeichner aus 90 Ländern gestiegen, und Protestbriefe wurden aus mehr als 30 Ländern verschickt. Historiker, Akademiker, Künstler, Journalisten, politische Organisationen und Arbeiter in aller Welt haben sich gegen das Urteil ausgesprochen.
Stern betonte, dass juristische Schritte allein Bogdans Freiheit nicht sichern werden.
„Ohne eine starke, wirkliche Kampagne von unten und eine mächtige Kampagne in der Arbeiterklasse international wird Bogdan nicht befreit werden“, sagte er. Er rief die Zuschauer auf, die Petition zu unterzeichnen, FreeBogdan.org zu besuchen, den Fall unter Kollegen, Freunden und Familienangehörigen bekannt zu machen und die Kampagne international auszuweiten.
Anschließend kehrte die Diskussion zu den politischen Entwicklungen in Deutschland zurück. Unmittelbarer Hintergrund war die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 6. September, bei der die AfD 43,8 Prozent der Zweitstimmen erhielt, während die Christlich Demokratische Union auf 17,2 Prozent fiel.
Stern erläuterte die Einschätzung der SGP, dass es sich bei der AfD um eine rechtsextreme Partei handelt, deren Aufstieg als Teil eines umfassenderen Rechtsrucks des gesamten politischen Establishments verstanden werden muss. Ihr Programm, argumentierte er, stelle eine Eskalation der Politik dar, die bereits von den etablierten Parteien verfolgt werde: Aufrüstung, Sozialabbau, Angriffe auf Flüchtlinge und die Stärkung der repressiven Befugnisse des Staats.
Zugleich sei die AfD unter Bedingungen, in denen die etablierten Parteien den Kriegskurs gegen Russland fast ausnahmslos unterstützen, in der Lage, die breite Ablehnung von Krieg und die soziale Wut auszunutzen – trotz ihres eigenen militaristischen und prokapitalistischen Programms.
„Sie ist natürlich keine Friedenspartei, und sie ist keine soziale Partei“, sagte Stern. Er brachte ihren Aufstieg mit der Bilanz der offiziellen „Linken“ in Verbindung, die während ihrer Regierungszeit soziale Angriffe durchgeführt und damit dazu beigetragen hat, das Konzept einer sozialistischen Alternative insgesamt zu diskreditieren.
Das Interview behandelte auch die massive Vernichtung von Industriearbeitsplätzen, unter anderem bei Volkswagen, sowie die außergewöhnliche Konzentration von Reichtum an der Spitze der deutschen und internationalen Gesellschaft.
Stern betonte jedoch, dass der Rechtsruck des politischen Establishments nicht mit den Stimmungen in der Arbeiterklasse gleichgesetzt werden dürfe. Es gebe eine enorme Opposition gegen Krieg, Militarismus und soziale Ungleichheit, argumentierte er, aber sie brauche eine unabhängige sozialistische Perspektive.
Am Ende des Interviews kam Stern auf Bogdans Fall und die wachsende internationale Reaktion auf seine Verfolgung zurück.
„Es gelingt ihnen nicht, Bogdan zu isolieren und einfach wegzusperren“, sagte er und verwies auf die Tausenden Unterschriften unter der Petition und die Unterstützung durch Historiker, Künstler, Journalisten, Intellektuelle und Arbeiter. „Diese Kampagne kann wirklich etwas bewirken. Sie zeigt, dass es international Opposition gegen Krieg, Militarismus und Faschismus gibt.“ Diese Opposition müsse mit einer klaren sozialistischen Perspektive und Führung bewaffnet werden.
Die Berufung gegen Bogdans Urteil, der Drohnenangriff auf das Gefängnis, in dem er festgehalten wird, und der sich ständig verschärfende Krieg machen diese Kampagne und diesen Kampf dringender denn je.
Seht euch das vollständige Interview an und teilt es, unterschreibt die internationale Petition auf FreeBogdan.org und schließt euch der Kampagne an, um das Urteil aufzuheben und die sofortige Freilassung Bogdan Syrotjuks durchzusetzen.
