Erklärung des Internationalen Komitees der Vierten Internationale
Wie die Workers Revolutionary Party den Trotzkismus verraten hat 1973 – 1985

Der Malwinenkrieg: Healy als Lakai des Imperialismus

Der Ausbruch des Malwinen-Krieges zwischen Großbritannien und Argentinien im April 1982 gab einen Einblick in die politische Verwesung der Führungspitze der Workers Revolutionary Party. Vor allem stellte sich heraus, dass Healy mittlerweile, nachdem er über ein Jahrzehnt lang Prinzipien verhökert hatte und völlig korrumpiert war, auf dem äußersten rechten Flügel der WRP stand, ja sogar rechts von den meisten pablistischen Gruppen und selbst von Teilen der Labour Party und der KP. Jahrelang hatte er sich als Verteidiger der nationalen Befreiungsbewegungen aufgespielt und in Wirklichkeit als kleiner Agent und bezahlter Propagandist für die koloniale Bourgeoisie in der britischen Arbeiterbewegung gearbeitet. Jetzt erwies er sich als unfähig, einen prinzipiellen Kampf zu führen, um eine unterdrückte Nation gegen den angreifenden britischen Imperialismus zu verteidigen.

Die erste Reaktion der WRP auf den Krieg zwischen Großbritannien und Argentinien war politisch völlig verworren. Healy vertrat die Auffassung, es handle sich um einen Konflikt zwischen zwei imperialistischen Mächten. Ein Leitartikel in der News Line vom 3. April 1982 präsentierte Healys zusammengeschusterte Theorie über die Ursprünge des Kriegs:

Argentinien gehört zu den lateinamerikanischen Staaten, die von der Reagan-Regierung abhängig sind. Bezeichnenderweise sind die Proteste aus Washington rein formell geblieben. Der US- Imperialismus will sich aus zweierlei Gründen der Falkland-Inseln bemächtigen. Erstens befinden sich im Seegebiet um die Inseln reiche Ölvorkommen – möglicherweise sind diese zehnmal so groß wie in der Nordsee. Zweitens ist das Pentagon bestrebt, einen Aufklärungsstützpunkt in dieser Region zu schaffen, um die Schiffsbewegungen um das Kap Horn überwachen zu können.

Dann konzentrierte sich der Leitartikel auf die Verbrechen der Junta. Großbritannien kam erst in der zweiten Hälfte vor. Keine Rede vom historischen Recht Argentiniens auf die Malwinen, die von der News Line übrigens noch für längere Zeit „Falklands“ genannt wurden. Bezeichnenderweise enthielt dieselbe Ausgabe der News Line auf Seite Zwei einen Bericht unter der provokativen Überschrift: „Argentinische Invasion auf den Falklands“.

Die von Healy diktierte Parteilinie wurde in der Schlagzeile der Ausgabe vom 5. April 1982 zusammengefasst: „Dies ist nicht unser Krieg“. In ihr wurde behauptet:

Die Arbeiterklasse in England und Argentinien hat keinerlei Interesse an diesem Krieg, der nur im Interesse der großen Ölkonzerne, Waffenfabrikanten und Generäle geführt wird.

Am nächsten Tag deuteten sich unter der Schlagzeile „Für die britischen und argentinischen Arbeiter der Hauptfeind im eigenen Land“ Differenzen innerhalb der Parteiführung an. Während im Leitartikel andeutungsweise Neuwahlen gefordert wurden, erschien auf derselben Titelseite eine Einladung zu einer Versammlung über den Krieg am 8. April unter den Forderungen: „Die Falkland-Inseln – Dies ist nicht unser Krieg! – Benn und der Opportunismus der Labour- Führer“.

Mit Benn wurde ausgerechnet der einzige Parlamentarier unter Beschuss genommen, der ausdrücklich zu Neuwahlen aufgerufen hatte. Während in der gesamten Partei und selbst in der Redaktion instinktiv eine Kampagne gegen Thatcher gefordert wurde, war Healys Büro dagegen und befahl eine öffentliche Versammlung, um die WRP von jeder Kampagne gegen die Regierung deutlich abzugrenzen.

Die News Line berichtete nicht über die Reden, die auf der Versammlung am 8. April gehalten wurden, zitierte aber eine Resolution, die mit überwältigender Mehrheit angenommen worden war. Sie schloss mit der Forderung nach Neuwahlen.

Der Aufruf zu einer Kampagne gegen Thatcher versetzte Healy in Wut. Er trat in Aktion und verfasste einen politischen Brief „an alle Mitglieder und Kader der WRP“. Dieser Brief vom 10. April 1982 war eindeutig ein Angriff von rechts, durch den diejenigen in der Partei zum Schweigen gebracht werden sollten, die Benns Forderung nach dem Sturz der Tory-Regierung zumindest kritisch unterstützten. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass in der gesamten Geschichte der Vierten Internationale kein wichtiger Führer einer nationalen Sektion zu derart niedrigen Spitzfindigkeiten Zuflucht genommen hat, um die Kapitulation vor einer imperialistischen Regierung zu rechtfertigen und gegen das Recht eines halbkolonialen Landes aufzutreten, sich gegen imperialistische Angriffe zu verteidigen.

Der Brief begann mit dem Entwurf eines politisch frei erfundenen Szenarios, um die wesentlichen Klassenfragen in diesem Krieg zu verdrehen:

1. Die Krise zwischen imperialistischen Mächten über die Zukunft der Erdölvorkommen in der Nähe der Falkland (!!)-Inseln ist ein weiterer schlagender Beweis für das Aufbrechen der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen im Lager des Weltimperialismus. Insgeheim (!) unterstützt der US-Imperialismus Argentinien, während er in öffentlichen Erklärungen Freundschaft mit Großbritannien heuchelt. In Wirklichkeit ist die treibende Kraft hinter der Heuchelei dieser doppelgesichtigen Beziehungen der weltweite Verfall des US-Imperialismus selbst.

Dies wurde schon dadurch widerlegt, dass die Vereinigten Staaten der britischen Flotte die notwendige Ausrüstung lieferten und sie auf ihrer tagelangen Fahrt in den Südatlantik beschützten. Aber diese bizarre Theorie über die Ursprünge des Konflikts diente als Grundlage, um den Krieg als „Krise zwischen imperialistischen Mächten“ zu definieren. Aufgrund dieser falschen Charakterisierung wurde den argentinischen Massen in ihrem Kampf gegen den britischen Imperialismus jede politische Unterstützung verweigert. Weiter hieß es in dem Brief:

Die Konsequenzen aus dem weltweiten Verfall der Ölpreise sind für Großbritannien, das wegen der unsicheren Zukunft seiner enormen Investitionen in der Nordsee zur Verzweiflung getrieben wird, katastrophal. Wenn seine technisch und geschichtlich überholte Flotte jetzt den Geist des Freibeuters Drake wiederzubeleben versucht, so hat dies nichts mit der Zukunft der 1.800 halb- feudalen, altmodischen Engländer zu tun, die diese Inseln bewohnen. Es geht um Öl, besonders wenn es billiger produziert werden kann als in der Nordsee und so wenigstens einen Teil der finanziellen Lasten wieder ausgleicht, die mit dem ungeheuren Kapitalaufwand verbunden sind. Die konventionelle und die nukleare Flotte stürzt sich also in ein militärisches Abenteuer, das sie nicht gewinnen kann. (Hervorhebung im Original)

Healy verstand noch weniger von Geographie als vom leninistischen Prinzip der Selbstbestimmung. Er fertigte weder eine wirtschaftliche Analyse an, um seine Behauptung „Es geht um Öl“ zu untermauern, noch lieferte er eine Erklärung dafür, wie Ölvorkommen auf dem Grunde des Südatlantiks, 8.000 Meilen von Großbritannien entfernt, billiger gefördert werden können als in der Nordsee. Ebensowenig versuchte Healy den offenkundigen Widerspruch zu lösen, der zwischen seiner Behauptung, Öl „in der Nähe der Falklands“ werde die Probleme des „ungeheuren Kapitalaufwandes“ in der Nordsee lösen, und der Wirklichkeit bestand, dass nämlich die britische Regierung Milliarden Pfund Sterling ausgab, um die Flotte in den Südatlantik zu schaffen. Das alles wäre komisch, wäre es politisch nicht so abstoßend.

Das nicht mehr zu unterbietende niedrige Niveau von Healys politischem Denken entlarvte sich ebenso in seiner kategorischen Behauptung, dass Großbritannien „nicht gewinnen kann“. Diese Voraussage war nicht nur falsch, sie zeigte auch, dass er den politischen Aufgaben der WRP keinerlei Ernsthaftigkeit entgegenbrachte. Wenn er wirklich eine militärische Katastrophe für den britischen Imperialismus vorausgesehen hätte, so hätte jeder Marxist sofort zwei wichtige Schlüsse gezogen. Erstens, dass die Zerstörung der britischen Flotte in Argentinien und der damit einhergehende Verlust Tausender von Menschenleben zum Sturz der Thatcher-Regierung führen und sozusagen über Nacht eine gespannte revolutionäre Situation schaffen würde. Zweitens, dass die WRP demnach ihre gesamte Kraft für eine militärische Niederlage einsetzen und die Partei auf die zu erwartenden Konsequenzen vorbereiten müsse. Healy aber zog weder den ersten Schluss, noch arbeitete er auf der Grundlage des zweiten.

Der Brief war so überladen mit banalen Fehlschlüssen, dass man ihn für seniles Gestammel halten konnte. Die Krise der bürgerlichen Herrschaft wurde als ein Problem „unentschlossener kapitalistischer Staatsmänner und großer Skandale“ dargestellt:

Vom Patriarchen Macmillan (‚Ihr-habt's-noch-nie-so-gut-gehabt‘-Supermac) bis zu Profumo. Von Sir Harold und der ‚Schlackenhalden-Spekulation‘ bis zur ‚Ich-bin-jetzt-ein-Tory-Marcia. Von den ‚zu-neuen-Ufern‘-Kennedys bis zum Desaster in der Schweinebucht. Von Nixon zu Watergate. Von Reagan zu wer-weiß-was-noch? usw. usw.

Schließlich kam er auf den Klassencharakter des Krieges zu sprechen und zitierte dazu einen Abschnitt aus Band 21 der Gesammelten Werke Lenins, in dem es um die Haltung von Sozialisten zum Kriege geht – nur um anschließend sofort zu beweisen, dass er nicht verstanden hatte, was er zitierte:

Diese leninistischen Prinzipien gelten ebenso für die Auseinandersetzung um die Falkland-Inseln heute, wie sie l915 galten, als er sie niederschrieb. Es geht um unsere Haltung zum imperialistischen Krieg, da wir es mit einem Konflikt zwischen den Herrschaftsinteressen Großbritanniens und denen der argentinischen Junta, die nur als Front für die Vereinigten Staaten dient, zu tun haben; dabei ist der ‚Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen (d.h. gewaltsamen) Mitteln‘.

In dem Zitat von Lenin war betont worden, dass Marxisten „es für notwendig halten, jeden Krieg in seiner Besonderheit historisch (vom Standpunkt des Marxschen dialektischen Materialismus) zu analysieren.“ Da dies in völligem Gegensatz zu Healys Subjektivismus stand, untersuchte er den Malvinen-Krieg nicht mit Hilfe dieser richtigen philosophisch-historischen Methode. Healy leugnete, dass dialektische Kategorien überhaupt einen geschichtlichen Inhalt haben, und glaubte, das bloße Auswendiglernen der Namen und Abfolgen logischer Begriffe, die er sich im Verlauf eines verwirrten Studiums Hegels notiert hatte, könne seine willkürlichen Impressionen rechtfertigen und für jedes politische Problem die gewünschte Antwort liefern. Die ersten Opfer seiner auf Unwissenheit beruhenden Verachtung für den Marxismus waren die grundlegenden politischen Kategorien unterdrückte Nation und Unterdrückernation. Wenn man diese nicht richtig anwendet, kann man im Zeitalter des des Imperialismus keinen einzigen Krieg richtig bestimmen.

In seiner Unfähigkeit, zwischen dem imperialistischen Großbritannien und Argentinien einen Unterschied zu sehen, wiederholte Healy im wesentlichen die kleinbürgerliche Position Shachtmans. Dieser hatte in den vierziger Jahren alle Kriege, selbst den Kampf Chinas gegen die japanische Besatzung, als Konflikte zwischen Imperialisten bezeichnet. Wie Shachtman kam Healy zu dem Schluss, man könne die Position der Partei nicht auf „eine abstrakte Bestimmung des Klassencharakters der Kriegführenden Staaten“ begründen, sondern ging lieber von einer angeblich konkreten Untersuchung der „Realität der lebendigen Ereignisse“ aus – in diesem Falle einem Streit um Öl mit Argentinien, wobei Argentinien den Vorreiter des US-Imperialismus spiele.

So gab Healy denn folgende denkwürdigen Sätze von sich, die man ihm auf den Hintern brennen sollte: „Es geht überhaupt nicht (Betonung im Original) darum, dass die Inseln geschichtlich zu Argentinien gehören, wie das feige Organ der Revisionisten, Socialist Worker, behauptet...“ Ebenso erhob er Einspruch dagegen, dass die britischen Pablisten in ihrer Zeitung erklärten, die britischen Imperialisten hätten „nicht das Recht, Argentinien gegenüber Ansprüche auf dieses Gebiet zu erheben“.

Dann frönte Healy seinem Zorn gegen den zentristischen Parlamentarier Tony Benn, der die Unverfrorenheit besaß, als Reaktion auf den Malwinen-Krieg zum Sturz der Tory-Regierung aufzurufen – was, unter den gegebenen Umständen, links von Healys feiger Position war. Um seine hinterhältige Opposition gegen Benns korrekte Forderung zu rechtfertigen, brachte der „Chef-Theoretiker“ der WRP nun in einem schwindelerregenden Feuerwerk seiner „Praxis der Erkenntnis“ eine ganze Serie von Spitzfindigkeiten vor:

Benn kann deshalb zum Sturz Thatchers aufrufen, weil er genau weiß, dass der Chauvinismus nicht nur der rechten Labour-Parlamentarier, sondern ebenso der sogenannten Linken den Tories eine parlamentarische Mehrheit sichern wird, so dass sie im Augenblick nicht um den Bestand ihrer Regierung fürchten müssen.

Während Benn zumindest zum Kampf gegen den Chauvinismus innerhalb der Labour-Party bereit war und offen gegen den imperialistischen Krieg auftrat, war der politische Feigling Healy durch die Entsendung der britischen Flotte derart eingeschüchtert, dass er jegliche Möglichkeit eines Kampfes gegen Thatcher abschrieb. Unter diesen Umständen war der Vorwurf des „parlamentarischen Opportunismus“, den Healy gegen Benn erhob, ganz und gar verlogen. In der Praxis verteidigte er die Tory-Regierung.

Dann fasste Healy seine politischen Schlussfolgerungen folgendermaßen zusammen:

a) Der Ursprung, der Krise liegt in dem immer weiter fortschreitenden Verfall der wirtschaftlichen und politischen Grundlage des Weltimperialismus.

b) Für die Arbeiter in Großbritannien und Argentinien, die kein Vaterland haben, steht der Hauptfeind im eigenen Land. Dieser Krieg ist nicht unser Krieg. Er entspringt dem total REAKTIONÄREN CHARAKTER DES IMPERIALISMUS.

c) Die Arbeiter Großbritanniens und Argentiniens müssen um ihrer Klasseninteressen willen für die Niederlage ihrer eigenen herrschenden Klassen arbeiten. Die herrschende Klasse, die heute die Propaganda zur Rechtfertigung ihres Krieges steigert, wird in England ihre Waffen ebenso schnell gegen die Arbeiterklasse richten, wie sie es in Argentinien seit Jahren tut.

d) Die Arbeiterklasse in England und Argentinien muss sich, wie Lenin erklärte, aktiv auf den Sturz ihrer eigenen herrschenden Klasse vorbereiten. Sie muss dafür kämpfen, den Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln und so die zunehmenden Schwächen der imperialistischen herrschenden Klasse ausnutzen.

Nachdem Healy den Krieg fälschlicherweise als Konflikt zwischen Imperialisten definiert hatte und sich weigerte, Benns Aufruf zum Sturz der Regierung auch nur kritisch zu unterstützen, war sein Gerede von Bürgerkrieg vollkommen hohl und heuchlerisch. Hinter Healys unklaren und eklektischen Formulierungen steckte seine bewusste Opposition gegen jede Politik, jede Parole oder jeden praktischen Schritt der WRP, der sie mit dem kapitalistischen Staat in Konflikt gebracht und den Verlauf des imperialistischen Kriegs gestört hätte. Daher enthielt der Brief keinen einzigen praktischen Aktionsvorschlag für die britische Arbeiterbewegung. Ein interner Brief an die Parteikader, geschrieben mitten in der Krise eines Krieges, enthielt keine einzige politische Parole und nicht einen Vorschlag für eine taktische Initiative!

Statt dessen schloss Healy seinen Brief mit einer Anweisung an die Mitglieder, kleinliche organisatorische Quoten zu erfüllen, die die Parteiapparatschiks aufgestellt hatten, um den Finanzbedarf ihrer Londoner Bürokratie zu decken:

Der Verkauf der News Line muss ab Montag, 19. April 1982, täglich um 1.800 gesteigert werden. Bis zum selben Datum brauchen wir lebenswichtige 20.000 Pfund für den Youth-Training-Fonds. Diese beiden wesentlichen und entscheidenden Praktiken stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem revolutionären Kampf gegen den imperialistischen Krieg um die Falkland-Inseln. Ohne derartige Praktiken können wir so viele ,linke Worte verbreiten, wie wir wollen und doch im Sumpf des Revisionismus und der reformistischen Labour-Politik versinken. Dies ist der alles entscheidende Test. ... Wir warten mit Spannung auf Eure großen revolutionären und praktischen Antworten bis zum 19 April.

Diese Absätze enthielten den vollkommensten und in diesem Fall politisch heimtückischsten Opportunismus: der Forderung nach Neuwahlen begegnete er mit verächtlichem Sarkasmus – „können wir so viele ‚linke Worte‘ verbreiten, wie wir wollen“ – und erklärte gleichzeitig einen unablässigen Geldstrom zum „alles entscheidenden Test“. So konnte nur ein Mann reden, der gegenüber dem Klassenkampf und der historischen Verantwortung seiner eigenen Partei vollkommen gleichgültig geworden war. „Mit Spannung“ wartete Healy nicht auf Berichte über die Stimmung in der Arbeiterklasse und die Reaktion der Arbeiterbewegung auf die Parteilinie, sondern auf eine Steigerung des täglichen News Line-Verkaufs „um 1.800“ und auf „lebenswichtige 20.000 Pfund“. Auf den Krieg reagierte er nicht wie ein Bolschewist, ja nicht einmal wie ein linker Zentrist, sondern wie ein feiger, kleinbürgerlicher, reformistischer Karrierist, dessen einzige Sorge darin bestand, die Parteikasse zu verteidigen.

Diesmal war Healy selbst für Michael Banda zu weit gegangen, für den es unmöglich wurde, über Healys schamlose Verteidigung des britischen Imperialismus hinwegzusehen. Als Healys Brief schon gedruckt und auf dem Weg zu den Zellen war, protestierte Banda und forderte eine sofortige Änderung der Politik, so wie sie in der Resolution der Versammlung vom 8. April vorgesehen war. Um einen politischen Skandal zu vermeiden, überredete Banda Healy, seinen Politischen Brief zurückzurufen. Die bereits verschickten Exemplare wurden wieder eingezogen. Unter Bandas Aufsicht wurde der Politische Brief neu formuliert. Alle Angriffe auf die Revisionisten und Tony Benn wurden gestrichen, ein entscheidender Absatz wurde nach dem Hinweis auf Lenin eingefügt:

Es gibt einen sehr wichtigen historischen Unterschied. Der argentinische Widerstand gegen die Interessen des britischen Imperialismus enthält ein starkes Element eines nationalen Befreiungskampfes, denn historisch gesehen gehören die Inseln zu Argentinien, und es hat ein volles Recht darauf, sie zurückzubekommen. Das ist der Grund für die spontane Mobilisierung der Massen und ihre Forderung, die Inseln sollten zurückgegeben werden.

Dieser politische Kurswechsel wurde nach und nach in die Politik der News Line eingearbeitet. Am 13. April 1982 war die News Line endlich so weit, dass sie „den imperialistischen Krieg der Thatcher-Regierung gegen Argentinien“ verurteilte, und am nächsten Tag brachte die WRP zwei neue Parolen in ihre Anzeige für den 1. Mai auf der ersten Seite der Zeitung: „Nieder mit Thatchers imperialistischem Krieg um die Falklands!“, und „Mobilisiert die Arbeiterklasse zum Sturz der Tory-Regierung!“

Dreieinhalb Jahre später, mitten in der Explosion, die der Enthüllung von Healys niederträchtigem Missbrauch weiblicher Kader folgte, verherrlichte Banda seine Rolle als Kämpfer gegen Healys Kurs im Malwinenkrieg. Die Tatsachen beweisen jedoch, dass er seinen „Kampf“ gegen Healy auf völlig prinzipienlose Weise führte: hinter dem Rücken der Parteimitgliedschaft und des Internationalen Komitees.

Es ging nicht nur um einen episodischen taktischen Fehler. Healys Politischer Brief richtete sich bewusst gegen Schichten in der Arbeiterbewegung und der WRP, die Taten gegen die Tories sehen wollten. Mit anderen Worten, Healys eigentlicher Ausgangspunkt war nicht eine falsche Einschätzung von Argentiniens Ansprüchen auf die Malwinen, sondern eine Anpassung an die britischen imperialistischen Herrscher. Er bezeichnete den Krieg deshalb als Konflikt zwischen Imperialisten, weil er dagegen war, die Arbeiterklasse für die Verteidigung Argentiniens zu mobilisieren. Unter diesen Bedingungen war die Tatsache, dass Banda – und, nicht zu vergessen, Cliff Slaughter –, es unterließen, Healy offen vor der ganzen Partei und dem Internationalen Komitee anzugreifen, politisch von weit größerer Bedeutung, als die hastig und zur Wahrung ihres Gesichts vorgenommene Korrektur. Den Parteimitgliedern wurde keine politische Erklärung über die Umstände gegeben, die die Änderung der Parteilinie begleitet hatten. Das wichtigste Gebot des Bolschewismus, den rechten Flügel in der Partei zu entlarven, wurde missachtet. Als sich im Laufe des Jahres 1982 ein Mitglied des Zentralkomitees der WRP in einem Brief an Banda über dieses politische Vertuschungsmanöver beklagte, wurde es kurzerhand ausgeschlossen. All das lief darauf hinaus, bewusst zu vertuschen, dass Healy in der Führung als politischer Lakai des britischen Imperialismus arbeitete. In Wirklichkeit ließ Banda die Zeitbombe in der WRP und im Internationalen Komitee der Vierten Internationale weiter ticken. Er wusste ebenso gut wie Slaughter und alle anderen, die mit den Ereignissen Anfang April 1982 vertraut waren, dass Healy politisch nicht mehr in die Führung der trotzkistischen Bewegung gehörte.

Während des Krieges erschienen in der News Line Artikel, in denen verschiedene rechte Tendenzen in der Arbeiterbewegung scharf kritisiert wurden, die entweder einen ähnlichen oder genau denselben Standpunkt wie Healy vertraten. Auf einen Leserbrief, der Widerwillen gegen die pro-imperialistische Politik der Führung der Labour Party äußerte und fragte, wie sich deren Rolle erkläre, anwortete die News Line in ihrer Ausgabe vom 28. Mai 1982:

Als erstes und wichtigstes muss man verstehen, dass Foot und seine Anhänger nicht ‚schlechte‘ Individuen sind, die einen ‚Fehler‘ begangen haben, und die wir zurück auf den richtigen Wegführen müssen.

Auf eine Frage zur Politik der ‚Militant‘-Gruppe in Bezug auf den Krieg, die sich nicht im geringsten von Healys Linie unterschied, antwortete die News Line am 12. Juni 1982:

Die ‚Militant‘-Tendenz ist eine Gruppe von Renegaten und angeblichen Trotzkisten, die dem rechten Flügel in der Labour Party einen Deckmantel verschaffen. Sie spielen sich zwar als Marxisten auf, aber ihre wirkliche Rolle besteht darin, Leute, die sich auf eine ernsthafte revolutionäre Politik zubewegen, zurückzuhalten. ... In Wirklichkeit sind sie erbärmliche Reformisten, Anhänger des parlamentarischen Wegs zum Sozialismus, und arbeiten eng mit der Bürokratie gegen Linke in der Labour Party zusammen. Ihr Aufruf, gegen den Krieg einen ‚Klassenstandpunkt‘ einzunehmen, dient somit als Fassade, hinter der sich ‚Militant‘ in Wirklichkeit mit dem rechten Labour-Flügel verbündet (genauso wie dies Healy gegen Benn tat) und sich in dem reaktionären imperialistischen Krieg gegen Argentinien hinter den britischen und amerikanischen Imperialismus stellt.

Für die Ausgabe der Labour Review vom August 1982 verfasste Slaughter eine erbarmungslose Analyse der politischen Linie des ‚Militant‘-Führers Ted Grant. Er gebrauchte Ausdrücke wie „Sammelsurium von Unsinnigkeiten“, „sentimentales Gelaber“ und „hoffnungslose Verwirrung“, um Grants „healyistische“ Gleichsetzung von Argentinien und Großbritannien zu charakterisieren. Er warnte: „Er versucht, den Marxismus ‚zurechtzustutzen‘, um seinen Opportunismus und Verrat zu rechtfertigen.“ Er verhöhnte Grant dafür, dass er bestreite, was „jeder Mensch überall auf der Welt, der gegen den Imperialismus kämpft, schon längst begriffen hat“. Und er schloss: „Dieser Verrat, der sich als Marxismus tarnt, muss mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln entlarvt werden.“ S. 11- 15) Doch diese Regel galt offenbar nicht für den wichtigsten Führer der WRP.

Diese klägliche Geschichte hat noch eine weitere Seite. Als Banda Healys groteske rechte Linie korrigierte, führte er einige eigene opportunistische Neuerungen ein. Auf die Frage eines Lesers, welche Position die WRP gegenüber der argentinischen Junta einnehmen würde, wenn sie in diesem Lande arbeitete, erfuhr man in der täglich erscheinenden ‚Fragen- und Antworten‘-Rubrik, für die Banda politisch verantwortlich war, folgendes:

Eine Sektion des Internationalen Komitees der Vierten Internationale in Argentinien würde die argentinische Bourgeoisie gegen den britischen Imperialismus bedingungslos unterstützen ... Eine marxistische Partei in Argentinien muss deshalb mit der bürgerlichen Militärjunta im Kampf gegen den Raubkrieg des britischen und amerikanischen Imperialismus eine Einheitsfront bilden. In der Frage der politischen Unabhängigkeit der Arbeiterklasse und ihrer revolutionären Vorhut darf dabei keinerlei Zugeständnisse geben.
(1. Juni 1982)

Dies war eine erbärmliche Karikatur auf Trotzkis Haltung: von bedingungsloser Unterstützung für die argentinische Bourgeoisie zu sprechen, schließt von vornherein eine echte politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse aus. Der Junta eine „Einheitsfront“ anbieten hieß, diesen marxistischen Begriff zu entstellen und die Arbeiterklasse zu verraten.

Wenn sie den demokratischen Kampf für nationale Selbstbestimmung führt, verteidigt die argentinische Arbeiterklasse weder die Bourgeoisie noch ihre Militärs. Wie Trotzki im Übergangsprogramm schrieb:

Wenn das Proletariat ein Kolonialland oder die Sowjetunion im Krieg unterstützt, solidarisiert es sich daher nicht im geringsten mit der bürgerlichen Regierung des Koloniallandes oder mit der Bürokratie des Thermidor in der Sowjetunion. Im Gegenteil, es wahrt seine völlige Unabhängigkeit sowohl der einen wie der anderen gegenüber. Indem das revolutionäre Proletariat einen gerechten und fortschrittlichen Krieg unterstützt, erobert es sich die Sympathien der Werktätigen der Kolonien und der Sowjetunion, festigt so das Ansehen und den Einfluss der Vierten Internationale und kann umso besser den Sturz der bürgerlichen Regierung im Kolonialland, der reaktionären Bürokratie in der Sowjetunion fördern. (Das Übergangsprogramm, Essen 1975, S 33)

Unter den konkreten Bedingungen, die zum Ausbruch des Malwinen-Kriegs führten, war es doppelt verräterisch, die von Banda vorgeschlagene Politik zu verfolgen. Dadurch hätten mögliche Trotzkisten in Argentinien nicht nur mit der Junta eine „Einheitsfront“ gebildet, sondern ebenso mit jedem tollwütigen kleinbürgerlichen Chauvinisten im Lande, unter anderen auch mit denen, die nachts Galtieris Todes-Schwadronen stellten.

Mit dem Krieg stürzte sich die Junta in ein verzweifeltes Ablenkungsmanöver, um dem ihr drohenden Zusammenbruch zuvorzukommen. Dann führte sie den Krieg auf eine Art und Weise, die den argentinischen Arbeiter- und Bauernsoldaten die größtmöglichen Entbehrungen und dem britischen Imperialismus letzten Endes den Sieg garantierte. In dieser Situation hätten Trotzkisten den Krieg ausgenutzt, um den revolutionären Sturz Galtieris zu beschleunigen, und ihre Agitation auf dieses Ziel ausgerichtet. Während wir ein koordiniertes Handeln mit der Regierung, wenn immer notwendig, nicht ablehnen würden, solange unsere Partei sie noch nicht stürzen kann, würden wir solche Aktionen jedoch niemals in unserer Agitation so erklären, dass dem Regime auch nur die geringste Glaubwürdigkeit verliehen oder unserer Partei die Verantwortung für das Vorgehen der Junta aufgebürdet würde. Zu jeder Zeit würden wir den verräterischen Charakter der Bourgeoisie und die Inkompetenz und Verkommenheit ihrer Offiziere entlarven, und deshalb die Bewaffnung der Arbeiter und den Aufbau ihrer eigenen Milizen fordern. Zugleich würden wir den Massen unser Programm für eine Arbeiter- und Bauernregierung vorlegen und für den Sturz des argentinischen Kapitalismus durch die Diktatur des Proletariats eintreten.

Die kurze Romanze der WRP mit der argentinischen Junta war das wirklichkeitsfremdeste Ergebnis davon, dass Banda den bewaffneten Kampf zu einer Strategie erhob. Auf Grund der daraus abgeleiteten falschen Kriterien konnte die WRP die Möglichkeit offen lassen, ein militärischer Konflikt könne eine brutale Söldnerbande in unnachgiebige Gegner des Imperialismus und mögliche Befreier der Arbeiterklasse verwandeln. Am 17. Juni 1982 verteidigte die News Line ihre Behauptung, Großbritannien könne die Malwinen niemals zurückerobern, indem sie die Argumente der argentinischen Junta unbesehen übernahm, und sagte einen langen Krieg voraus. Dieser Artikel, der unter Bandas Regie geschrieben wurde, zitierte respektvoll die aufgeblasenen Erklärungen von „Präsident“ Leopoldo Galtieri, „Außenminister“ Costa Mendez und „Verteidigungsminister“ Amadeo Frugoli, und behauptete: „Diese Gefühle werden in weiten Teilen Lateinamerikas geteilt“ als ob es eine wirkliche Übereinstimmung zwischen diesen diskreditierten Tyrannen, die bald verhaftet und in Gefangenenlager geschickt werden sollten, und der echten antiimperialistischen Einstellung der Massen gebe.

Dann stellte der Artikel den Malwinen-Krieg als den Beginn „eines nachhaltigen Erwachens der nationalen Frage“ hin und ging mit keinem Wort auf das lateinische Proletariat und den Klassenkampf ein. Der Junta wurde uneingeschränktes Vertrauen entgegengebracht. Die News Line, die die leeren Prahlereien der diskreditierten Generäle für bare Münze nahm, sagte voraus, der Krieg werde andauern. Während Galtieri sich im Präsidentenpalast versteckte und Arbeiter auf Massendemonstrationen seinen Kopf forderten, verfasste die News Line eine schamlose Verteidigung der Junta:

Selbst wenn heute eine vorübergehende Vereinbarung getroffen werden sollte, so bleiben doch die Nachschublinien und die britischen Stützpunkte auf der Insel weiterhin das Hauptangriffsziel der argentinischen Streitkräfte.

Jeder argentinische „Trotzkist“, der die Wut der Massen mit diesen Spitzfindigkeiten zu besänftigen versucht hätte, wäre völlig zu Recht an einem Laternenpfahl auf der Plaza del Mayo aufgehängt worden. Dann folgte eine noch unglaublichere Erklärung:

Ein langer Krieg wird unter diesen Umständen zu einer blutenden Wunde, die Malwinen werden zu Thatchers Vietnam, ein Krieg, den sie ebenso wenig gewinnen kann wie die Vereinigten Staaten in Südostasien.

Diese Vorhersage beweist, dass die WRP nicht das Vertrauen in die britische Arbeiterklasse und ihre revolutionäre Rolle besaß. Jetzt wurde die Junta zum Totengräber des britischen Imperialismus, ebenso wie bald darauf das iranische Militär zum Vollstrecker der revolutionären Aufgaben im Nahen Osten ernannt werden sollte. Sie bestätigt, dass die sogenannte „Korrektur“ im April reine politische Kosmetik war, die nichts dazu beigetragen hatte, in der WRP wieder eine proletarische Klassenlinie zu verankern.

In einer Reihe von Artikeln versuchten Banda und die News Line, ihre Haltung zur argentinischen Junta unter einem orthodoxen Deckmantel zu verstecken, indem sie auf Tschiang Kai-Scheks Kampf gegen Japan in den dreißiger Jahren verwiesen. Dies war ein völlig mechanischer und unzutreffender Vergleich. Es ist ein Hohn auf eine dialektische, konkrete Analyse, den Ablenkungskrieg der Junta 1982 mit dem Kampf der Chinesen auf Leben und Tod gleichzusetzen – das chinesische Volk kämpfte damals gegen die imperialistischen Eindringlinge, die ihr Land besetzten, um eine eigene nationale Existenz. Selbst gewitztere bürgerliche Radikale wie Alfonsin hielten immer Abstand von der Junta, ja sie profitierten davon, dass sich die argentinischen Pablisten kritiklos den schlimmsten chauvinistischen Elementen anbiederten.

Fassen wir zusammen: Die Aufgabe der Trotzkisten in Großbritannien bestand darin, für die bedingungslose Verteidigung des argentinischen Rechts auf Selbstbestimmung einzutreten und zu jeder Zeit für die Niederlage der britischen Regierung und ihrer Streitkräfte zu kämpfen. In Argentinien mussten Trotzkisten die nationale Selbstbestimmung mit ihren eigenen, proletarischen Methoden verteidigen und durften dabei niemals die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse und das Banner des revolutionären Internationalismus aufgeben.

Die Unfähigkeit der WRP, von Anfang des Krieges an eine prinzipielle Politik in Großbritannien zu vertreten oder eine revolutionäre Strategie für die argentinischen Arbeiter zu entwickeln, hing mit der Tatsache zusammen, dass Healy und Banda die marxistische Auffassung des kapitalistischen Staates ablehnten, ihm eine Befreierrolle zusprachen und ihn in der einen oder anderen Form als Instrument der Parteipolitik und des Klassenkampfes zu benutzen versuchten.