David Norths Buch „Die Logik des Zionismus: Vom nationalistischen Mythos zum Genozid in Gaza“ zeigt die katastrophalen Folgen nationalistischer Politik

In diesem Frühjahr erschien im Mehring Verlag das neue Buch von David North Die Logik des Zionismus: Vom nationalistischen Mythos zum Genozid in Gaza in deutscher Übersetzung. Es enthält fünf Vorträge, die North zwischen dem 24. Oktober 2023 und dem 12. März 2024 in Michigan, London, Berlin und Istanbul gehalten hat – inmitten des andauernden Völkermords in Gaza, den die israelische Armee mit Unterstützung der imperialistischen Mächte führt.

Die Vorträge befassen sich mit dringlichen politischen Fragen, die sich Arbeiter und Jugendliche auf der ganzen Welt stellen: Was sind die Ursachen des Genozids in Gaza und wie kann er gestoppt werden?

Der Autor David North, Vorsitzender der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site und der Socialist Equality Party in den USA, liefert eine marxistische Analyse der historischen Entwicklung des Zionismus. Mit dieser nationalistischen Ideologie wurde 1948 die Gründung des Staates Israel und die gewaltsame Vertreibung von 750.000 Palästinensern aus ihrer Heimat gerechtfertigt. Dabei wurden unzählige Unschuldige massakriert und Hunderte Dörfer zerstört.

Das Buch zeigt auf, wie der Zionismus im 19. Jahrhundert mit Rückendeckung der imperialistischen Mächte und in direktem Gegensatz zu der weit verbreiteten Unterstützung für den Sozialismus in der jüdischen Arbeiterklasse entstand. North erklärt, warum eine sozialistische und internationalistische Strategie notwendig ist, um die Arbeiterklasse gegen das Netanjahu-Regime und den Imperialismus zu mobilisieren, der die Menschheit in einen verheerenden dritten Weltkrieg führt.

David North bei seinem Vortrag am 24. Oktober 2023 an der University of Michigan

Zigtausende Männer, Frauen und Kinder wurden in Gaza ermordet, Krankenhäuser, Schulen, Moscheen und sogar ganze Städte zerstört und die 2,3 Millionen Bewohner des Gazastreifens dem Hungertod ausgesetzt. Diese Verbrechen haben einen tiefen Schock und eine enorme Wut auf das Netanjahu-Regime und seine imperialistischen Hintermänner in den USA, Großbritannien, Deutschland und anderen Ländern ausgelöst. Millionen Arbeiter und junge Menschen wurden aufgrund dieser Ereignisse politisch radikalisiert. Sie identifizieren den Zionismus mit einigen der schlimmsten Gräueltaten seit dem Zweiten Weltkrieg.

Diese Radikalisierung findet auch Ausdruck in einem wachsenden Interesse an der Geschichte der Unterdrückung der Palästinenser. Kritische historische Werke werden vielfach gelesen, darunter Rashid Khalidis Der hundertjährige Krieg um Palästina (2017, auf Deutsch 2024) und Ilan Pappés Die ethnische Säuberung Palästinas (2006, auf Deutsch 2007). Letzteres wurde 2023 in der englischsprachigen Ausgabe fünfmal nachgedruckt.

In diesen Büchern werden die Verbrechen der herrschenden Klasse Israels und der imperialistischen Mächte in Palästina, im Libanon und im gesamten Nahen Osten detailliert dargelegt. Die von den Autoren vorgeschlagenen Lösungen gehen jedoch nicht über Appelle zu Versöhnung und Kompromiss zwischen dem israelischen Regime und den Palästinensern hinaus. Sie hoffen, dass die wachsende Unterstützung der Bevölkerung für die Unterdrückten ihre Regierungen überzeugen könnte, für die Rechte der Palästinenser einzustehen.

Dieselbe politische Strategie verfolgen auch die bürgerlichen Organisationen, die derzeit die Proteste gegen den Gaza-Genozid dominieren. Ihr Ziel ist es, die kapitalistischen Regierungen unter Druck zu setzen, um einen Waffenstillstand zu erreichen. Diese Strategie ist offenkundig gescheitert. Trotz des beispiellosen Ausmaßes der Proteste rüsten die imperialistischen Mächte das Netanjahu-Regime weiter auf und geben ihm politische Rückendeckung.

Die Regierungen in den USA, Europa, Australien und Kanada haben klar gemacht, dass sie für die öffentliche Meinung unempfänglich sind. Im Einklang mit den etablierten Medien führen sie eine üble Kampagne gegen die Demonstranten, verleumden sie als „antisemitisch“ und unterdrücken friedliche Proteste mit der Gewalt des Polizeistaats.

Im Gegensatz zur vorherrschenden Position wird in dem Buch Die Logik des Zionismus die Ansicht vertreten, dass der Kampf gegen Krieg auf einer internationalen revolutionären Strategie basieren muss. North erklärt, dass der Völkermord in Gaza und der Nato-Stellvertreterkrieg gegen Russland in der Ukraine „zwei Fronten in einem rasch eskalierenden Dritten Weltkrieg [sind], dessen Ausmaß und Grausamkeit, wenn er nicht durch eine Antikriegsbewegung der internationalen Arbeiterklasse gestoppt wird, den Ersten Weltkrieg (1914–1918) und den Zweiten Weltkrieg (1939–1945) übertreffen wird“.

Israel, ein schwer bewaffneter imperialistischer Vorposten, spielt eine zentrale Rolle bei den US-Operationen gegen Iran, Syrien und Jemen. Die Unterstützung des Massenmords an der palästinensischen Bevölkerung durch die Biden-Regierung ist eine Warnung an die Arbeiter in diesen Ländern sowie in Russland und China. Die USA werden dieselben Methoden gegen jeden einsetzen, der sich ihrem imperialistischen Streben nach der Rückeroberung der Welt widersetzt.

North weist die heuchlerische Propaganda zurück, der Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober sei ein Akt des „puren, ungeschminkten Bösen“ gewesen, der gerächt werden müsse, wie es US-Präsident Joe Biden ausgedrückt hatte. Der Ausbruch aus dem Gaza-Gefängnis könne nur als Ergebnis jahrzehntelanger brutaler Unterdrückung durch Israel verstanden werden, genau wie viele andere gewaltsame antikoloniale Aufstände im Laufe der Geschichte, darunter „der Sepoyaufstand in Indien, der Aufstand der Dakota-Indianer gegen die Siedler, der Boxeraufstand in China, der Aufstand der Hereros in Südwestafrika und, in jüngerer Zeit, der Auf- stand der Mau-Mau in Kenia“.

Es bleiben viele Fragen offen, warum der Hamas-Angriff nicht von den israelischen Streitkräften verhindert wurde. Er lieferte jedenfalls den Vorwand für eine seit langem geplante Operation zur ethnischen Säuberung des Gazastreifens und des Westjordanlands.

North wendet sich zwar gegen die heuchlerischen moralischen Verurteilungen des Anschlags vom 7. Oktober. Doch er erklärt auch, dass das zionistische Regime nicht mit dem bürgerlich-nationalistischen Programm der Hamas besiegt werden kann:

Letztendlich kann die Befreiung des palästinensischen Volkes nur durch einen vereinten Kampf der arabischen und jüdischen Arbeiterklasse erreicht werden, der sich gegen das zionistische Regime und gegen die verräterischen kapitalistischen Regierungen der arabischen Länder und des Iran richtet und darauf abzielt, sie durch eine Union sozialistischer Republiken im gesamten Nahen Osten, ja in der ganzen Welt zu ersetzen.

Das ist eine gigantische Aufgabe. Aber es ist die einzige Perspektive, die auf einer richtigen Einschätzung der gegenwärtigen Phase der Weltgeschichte, der Widersprüche und der Krise des Weltkapitalismus sowie der Dynamik des internationalen Klassenkampfs beruht. Die Kriege in Gaza und in der Ukraine sind tragische Beweise für die katastrophale Rolle und die Auswirkungen nationaler Programme in einer historischen Epoche, deren wesentliche und prägende Merkmale sich ergeben aus dem Primat der Weltwirtschaft, dem global integrierten Charakter der Produktivkräfte des Kapitalismus und somit der Notwendigkeit, den Kampf der Arbeiterklasse auf eine internationale Strategie zu stützen. (S. 24f.)

Dies ist der Kern von Leo Trotzkis Theorie der permanenten Revolution. Bevor Israel seinen Völkermord begann, hatte David North eine Vortragsreihe über die Geschichte der trotzkistischen Bewegung geplant. 2023 markierte den 100. Jahrestag der Gründung der Linken Opposition unter Leo Trotzki. Sie kämpfte gegen die von Stalin angeführte Bürokratie in der Sowjetunion, die die Macht der Arbeiterklasse usurpiert hatte und das Programm der sozialistischen Weltrevolution zurückwies. Ein weiterer Jahrestag in der Geschichte des Trotzkismus war im vergangenen Jahr bedeutsam: 1953, vor 70 Jahren, erschien der Offene Brief von James P. Cannon. Der Sekretär der Socialist Workers Party in den USA wandte sich in diesem Brief gegen die pro-stalinistische Fraktion in der Führung der Vierten Internationale unter der Leitung von Michel Pablo, die versuchte, die trotzkistische Bewegung in die unzähligen stalinistischen, bürgerlich-reformistischen und nationalistischen Parteien auf der ganzen Welt aufzulösen. Der Offene Brief markierte die Gründung des Internationalen Komitees der Vierten Internationale (IKVI).

Wie North erklärt, war es angesichts des israelischen Angriffs auf den Gazastreifen notwendig, den thematischen Schwerpunkt der Vorträge zu verlagern. Trotzdem zeigte er auf, wie die aktuelle Krise „mit den wesentlichen Fragen der marxistischen Theorie, der politischen Perspektive und des sozialistischen Programms zusammenhängt, die im Mittelpunkt des von der Linken Opposition geführten Kampfs gegen den Stalinismus standen“.

North bezeichnet diesen als „den folgenreichsten politischen Kampf des 20. Jahrhunderts“ und weist darauf hin, dass die gesamte Geschichte völlig anders verlaufen wäre, wenn sich die Internationalisten durchgesetzt hätten:

Der Aufstieg Hitlers hätte gestoppt werden können. Trotzki trat für eine Einheitsfront der Sozialdemokratischen und der Kommunistischen Partei ein, der beiden Massenparteien der Arbeiterklasse in Deutschland. Er schrieb, dass nichts wichtiger sei als die Niederlage Hitlers, und er warnte, dass die Niederlage der Arbeiterklasse und die Machtübernahme Hitlers eine weltweite Katastrophe von unvorstellbaren Ausmaßen mit sich bringen würde. Und Trotzki warnte auch, dass die Vernichtung des europäischen Judentums Teil dieser Katastrophe sein würde.

Diese Warnungen wurden ignoriert. Hitler kam an die Macht, und die Folgen waren furchtbar. So wurde eine Reihe von Ereignissen in Gang gesetzt, deren politische Wirkung bis heute anhält. Ohne den Sieg Hitlers, ohne den Sieg des Faschismus, hätte es keine zionistische Massenbewegung und keine Massenauswanderung von Juden nach Palästina gegeben. Damit würde einer der Hauptfaktoren für die eskalierende Krise, die wir jetzt erleben, gar nicht existieren. (S. 16)

Mit anderen Worten: „Die Gründung des zionistischen Staates war das direkte Ergebnis der Niederlagen, die die Arbeiterklasse in den 1920er und 1930er Jahren aufgrund des Verrats des Stalinismus und der Sozialdemokratie erlitten hatte.“

Norths Analyse widerlegt eindrucksvoll die große Lüge, dass jeder Widerstand gegen die zionistische Ideologie und den Staat Israel Antisemitismus sei. Diese Propaganda wird von amerikanischen und europäischen Politikern und Medien endlos wiederholt, um die Massenopposition gegen den Völkermord in Gaza zu diskreditieren.

Zunächst seien solche Behauptungen einfach absurd, wenn man berücksichtigt, dass viele Juden an den Protesten gegen den Gaza-Genozid teilnehmen, auch in Israel selbst. North weist auch auf die unverschämte Heuchelei des Gejammers über „Antisemitismus“ hin. Schließlich seien die imperialistischen Mächte ein offenes Bündnis mit dem Regime in der Ukraine eingegangen, „dessen wichtigster Nationalheld, Stepan Bandera, ein bösartiger Faschist und Antisemit war – Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die bei der Ausrottung der Juden in der Ukraine mit den Nazis kollaborierte“.

North erklärt, dass „die Gründung des zionistischen Staates nicht nur für die Palästinenser, sondern auch für die jüdische Bevölkerung eine Tragödie war und ist. Der Zionismus war nie eine Lösung für die historische Unterdrückung und Verfolgung des jüdischen Volkes und ist es auch heute nicht.“ Leo Trotzki habe 1938 gewarnt, dass den Juden im kommenden Krieg die „physische Ausrottung“ drohe. Im Juli 1940, ein Jahr nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, schrieb er:

Der Versuch, die Judenfrage durch die Auswanderung von Juden nach Palästina zu lösen, kann jetzt als das gesehen werden, was er ist: eine tragische Verhöhnung des jüdischen Volkes ... Nie war es so klar wie heute, dass die Rettung des jüdischen Volkes untrennbar mit dem Sturz des kapitalistischen Systems verbunden ist.

Der moderne Antisemitismus entstand, wie North betont, als „Waffe für den politischen und ideologischen Kampf gegen die aufstrebende sozialistische Arbeiterbewegung“. Hitlers Hass auf die Juden war untrennbar mit seinem Hass auf den Bolschewismus und die Arbeiterbewegung verbunden, in deren Führung viele Juden vertreten waren.

Gleichzeitig entwickelte sich der Zionismus als rechte nationalistische Reaktion auf die weit verbreitete Unterstützung des Sozialismus unter jüdischen Arbeitern und Intellektuellen, die „sozialen Fortschritt und die Erlangung demokratischer Rechte eher mit ihrer Assimilation als mit ihrer Segregation aus der Gesellschaft“ verbanden.

North geht näher auf Moses Hess ein – die „erste bedeutende Persönlichkeit, die die Perspektive eines jüdischen Staates in Palästina vertrat“. Sein Buch Rom und Jerusalem: Die letzte Nationalitätenfrage erschien 1862. Theodor Herzl, der als Vater der zionistischen Bewegung gilt, habe später gesagt, „wenn er das Buch von Hess gekannt hätte, wäre es nicht nötig gewesen, sein eigenes Buch ‚Der Judenstaat‘ zu schreiben“.

Moses Hess im Jahr 1870 [Photo: Unknown]

Hess war Sozialist und ein Freund von Karl Marx und Friedrich Engels. Aber die Niederlagen der Arbeiterklasse in der revolutionären Welle, die 1848 über Europa hinwegfegte, hatten ihn demoralisiert. In direkter Opposition zu Marx postulierte Hess den Vorrang der Rasse vor der Klasse: „Die ganze bisherige Geschichte bewegte sich in Rassen- und Klassenkämpfen. Der Rassenkampf ist das Ursprüngliche, der Klassenkampf das Sekundäre.“

Er vertrat die zutiefst pessimistische Position – die den Kern des Zionismus ausmacht –, dass die Juden sich niemals assimilieren können, weil der antisemitische Hass in der europäischen Bevölkerung so tief verwurzelt sei. Auf dieser Grundlage wandte sich Hess gegen den Kampf der Sozialisten gegen den Antisemitismus und behauptete, dass ein „jüdisches Vaterland“ für das Überleben und den Fortschritt des jüdischen Volkes notwendig sei. Wie Herzl war sich Hess darüber im Klaren, dass ein jüdischer Staat in Palästina die Unterstützung einer imperialistischen Großmacht brauchen würde, was seiner Meinung nach Frankreich sein sollte.

Obwohl Hess als Begründer des „Arbeiterzionismus“ bekannt ist, d. h. einer angeblich linken Strömung, vertrat er dieselben rassistischen und nationalistischen Standpunkte, die später auch Herzl und allen anderen zionistischen Führer einnahmen. Der zionistische Faschist Wladimir Zeev Jabotinsky würdigte Hess, weil er den Weg für die Balfour-Erklärung von 1917 geebnet habe. Mit dieser Erklärung des britischen Außenministers Balfour brachte das britische Empire seine Unterstützung für ein jüdisches Heimatland in Palästina zum Ausdruck.

In der heutigen Identitätspolitik, die „Rasse“ als Identitätsmerkmal hervorhebt, gibt es auffällige Anklänge an Hess’ Positionen. Die World Socialist Web Site hat diese rassistische Ideologie einer vernichtenden Kritik unterzogen und das 1619-Projekt der New York Times gründlich widerlegt. Die WSWS entlarvt die Fälschung der amerikanischen Geschichte, die von der Times als unlösbarer Konflikt zwischen Weißen und Schwarzen dargestellt wird, bei dem der Klassenkampf keine Rolle gespielt habe. Die Verdrehung der Geschichte zu einem endlosen Rassenkrieg dient dazu, die Arbeiterklasse zu spalten und eine erfolgreiche Bewegung gegen das kapitalistische System– der eigentlichen Wurzel rassistischer Unterdrückung – zu verhindern.

Diese Tatsache wurde schon vor langer Zeit von sozialistisch gesinnten Juden erkannt, die der zionistischen Bewegung seit den 1880er Jahren feindlich gegenüberstanden. Im Russischen Reich wurden die Zionisten vom zaristischen Regime unterstützt. „Der Antizionismus aller Fraktionen der sozialistischen Bewegung verhinderte, dass die Zionisten ernstlich in der Arbeiterklasse Fuß fassen konnten“, erklärt North.

Der Jüdische Arbeiterbund, so der Historiker Jossi Goldstein, führte „einen Krieg bis zum Tod gegen den Zionismus“, den er als „verrotteten Leichnam“ bezeichnete. Er sei „nur eine Maske, hinter der man die Arbeiter ausbeutet und das werktätige Volk betrügt“.

Das vielleicht politisch brisanteste Thema in Die Logik des Zionismus ist die Geschichte der zionistischen Kollaboration mit dem Nazi-Regime. North erklärt: „Es gibt vor der Gründung Israels im Jahr 1948 keine Periode in der Geschichte, die den reaktionären Charakter des Zionismus und seinen betrügerischen Anspruch, die Interessen des jüdischen Volkes zu vertreten, so gründlich entlarvt hat wie sein Verhalten in den 1930er Jahren.“ Er zitiert den jüdischen Historiker Saul Friedländer, der dokumentiert hat, wie die Zionisten mit den Nazis zusammenarbeiteten, um die Auswanderung nach Palästina zu erleichtern. Ein Journalist von Goebbels’ Zeitung wurde sogar eingeladen, Palästina zu besuchen und eine Reihe von Artikeln zu verfassen, die eine Auswanderung der Juden befördern.

Am 22. Juni 1933 begrüßte die zionistische Organisation für Deutschland in einer berüchtigten Denkschrift an Hitler „die Wiedergeburt des nationalen Lebens eines Volkes, wie sie sich nun in Deutschland auf christlicher und nationaler Grundlage vollzieht“. In dem Schreiben heißt es, dass das jüdische Volk eine ähnliche nationale „Wiedergeburt“ erleben müsse.

Die Apologeten des Zionismus haben immer wieder üble Verleumdungskampagnen gegen jeden losgetreten, der diese belastenden historischen Fakten zur Sprache brachte. Auch die Philosophin Hannah Arendt wurde nach der Veröffentlichung ihres Buchs Eichmann in Jerusalem im Jahr 1963 als „selbsthassende Jüdin“ denunziert. Das Theaterstück Perdition (Verderben) des sozialistischen Schriftstellers Jim Allen aus dem Jahr 1987 unter der Regie von Ken Loach wurde von allen großen britischen Zeitungen als „antisemitisch“ verleumdet, weil es die zionistische Kollaboration mit den Nazis thematisiert. Der Druck der Zionisten führte dazu, dass das Royal Court Theatre das Stück am Tag vor der Premiere absagte.

North betont:

Die von den zionistischen Organisationen geäußerte Sympathie für den Nationalsozialismus kann nicht nur als Ausdruck von Feigheit und groteskem taktischen Opportunismus erklärt werden. Aufgrund seiner Entstehungsgeschichte als Frucht des imperialistischen Kolonialismus und Feind des Sozialismus und einer wissenschaftlichen Geschichts- und Gesellschaftsauffassung war es unvermeidlich, dass sich der Zionismus auf extrem reaktionäre Elemente nationalistischer Politik und Ideologie stützte. (S. 59)

Das Netanjahu-Regime setzt die Tradition der Zusammenarbeit mit rechtsextremen Nationalisten fort, darunter offen antisemitische Politiker aus den Vereinigten Staaten, Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban, die faschistische Meloni-Regierung in Italien und der ehemalige brasilianische Präsident Jair Bolsonaro – um nur einige zu nennen, die Israel in den letzten Jahren besucht haben.

Dieser historische Hintergrund entlarvt die Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus als glatten Betrug. North spricht von einer „semantischen Umkehrung“, die im Gange ist: „Ein Phänomen, das historisch mit der politischen Rechten assoziiert wurde, wird in ein zentrales Attribut der politischen Linken umgewandelt.“

In den Hetzkampagnen gegen den ehemaligen britischen Labour-Chef Jeremy Corbyn und den Musiker Roger Waters, einen prominenten Fürsprecher der Palästinenser, wurde der Begriff „Antisemit“ von seiner eigentlichen historischen und politischen Bedeutung losgelöst.

In Deutschland werden Proteste zur Verteidigung der Palästinenser unter dem Vorwand des „Antisemitismus“ mit Polizeigewalt unterdrückt. Die Humboldt-Universität zu Berlin, an der David North am 14. Dezember seinen dritten Vortrag hielt, erlaubte den International Youth and Students for Social Equality nicht, den Völkermord im Gazastreifen im Veranstaltungstitel zu erwähnen.

North antwortet auf die Dämonisierung jüdischer Gegner des Völkermords als „selbsthassende Juden“, indem er erläutert, dass der jüdische Widerstand gegen die politische Theologie des Zionismus mehr als 350 Jahre zurückreicht. Baruch Spinoza, einer der bedeutendsten Philosophen der Aufklärung, wurde 1656 von der jüdischen Gemeinde von Amsterdam exkommuniziert, weil er die Autorität der Bibel und „die für das Judentum als Religion und den Zionismus als politische Ideologie zentrale Behauptung leugnete, die Juden seien das ‚auserwählte Volk‘“.

„Exkommunizierter Spinoza“, Gemälde von Samuel Hirszenberg, 1907 [Photo: Samuel Hirszenberg]

North zitiert Isaac Deutscher, den Biographen Trotzkis, der Spinoza als einen der wichtigsten jüdischen Vordenker von Marx, Trotzki und Rosa Luxemburg ansieht. Nach Deutscher waren sie „nichtjüdische Juden“ in dem Sinne, dass sie „über ihr Judentum hinausgelangt“ waren und stattdessen „die Botschaft der universellen menschlichen Emanzipation“ vertraten.

Die Doktrin des „auserwählten Volkes“ dient zur Rechtfertigung der faschistischen „Theologie der Rache“, die „ausdrücklich die Vernichtung aller Feinde Israels fordert“. Die Feinde werden in der Bibel als „Amalek“ bezeichnet. Als Netanjahu im November die Israelis aufforderte, sich daran zu erinnern, „was Amalek euch angetan hat“, berief er sich auf diese völkermörderische Ideologie.

Ein Hauptvertreter der „Theologie der Rache“ war Meir Kahane, Gründer der neofaschistischen Jewish Defense League in den USA und der Kach-Partei in Israel, der die Vertreibung aller Palästinenser forderte. Einem Aufsatz von Adam und Gedaliah Afterman zufolge, den North zitiert, stütze sich Kahanes Theologie auf die Behauptung, „dass der Staat Israel von Gott gegründet wurde, als Racheakt gegen die Ungläubigen für deren Verfolgung der Juden“ und dass seine militärische Stärke „in den Dienst der Erlösung versprechenden Rache gestellt werden“ müsse. Damit wird die gewaltsame Annexion des Westjordanlands und des Gazastreifens sowie die ethnische Säuberung der Palästinenser gerechtfertigt.

North charakterisiert Kahanes Schriften als „eine hebräischsprachige Variante der Philosophie von Adolf Hitlers Mein Kampf“. Kahanes Kach-Partei wurde 1988 verboten und Kahane 1990 ermordet. Viele Jahre lang galt er als Rechtsextremist am Rande der israelischen Politik, doch heute gehören seine Anhänger zum Kern der Regierung. Netanjahus faschistischer Verbündeter Itamar Ben-Gvir, der Minister für nationale Sicherheit, ist ein glühender Anhänger von Kahane. Kürzlich führte er einen faschistischen Marsch durch die Altstadt von Ostjerusalem an, bei dem seine Anhänger Hemden mit dem Symbol der Faust von Kahane trugen.

Der Zionismus des israelischen Regimes ist, kurz gesagt, „die extreme konterrevolutionäre Antithese und Zurückweisung der fortschrittlichen, demokratischen und sozialistischen Tradition“ jüdischen Denkens.

Um diesen Punkt zu unterstreichen, sprach North zum ersten Mal öffentlich über die bemerkenswerte Geschichte seiner eigenen Familie. Er begründete diesen Schritt damit, dass es „in meiner persönlichen Erfahrung Elemente gibt, die bei einer jüngeren Generation Widerhall finden und sie ermutigen könnten, ihren Kampf zur Verteidigung der Palästinenser und gegen alle Formen der Unterdrückung zu verstärken“.

Der Großvater von David North, Ignatz Waghalter, verließ im Alter von 17 Jahren seine Heimat Warschau und zog nach Berlin, wo er sich zum Musiker ausbilden ließ. Trotz zahlreicher Hindernisse aufgrund des Antisemitismus wurde Waghalter ein hoch angesehener Komponist und Dirigent, der „eine bedeutende Stellung im kulturellen Leben Berlins“ einnahm. Nach der Machtübernahme Hitlers endete seine Karriere und er floh zunächst in die Tschechoslowakei und nach Österreich, bis er schließlich 1937 in New York ankam.

„Schon wenige Tage nach seiner Ankunft initiierte Ignatz ein Projekt von historischer Bedeutung: die Gründung des ersten klassischen Musikorchesters, das aus afroamerikanischen Musikern bestand“, so North. Ausgehend von seinen starken demokratischen Überzeugungen erklärte Waghalter: „Musik, die stärkste Festung der universellen Demokratie, kennt weder Hautfarbe noch Glaube oder Nationalität.“

Er fasste sein Credo mit den Worten zusammen: „Wo es auch immer sein sollte, überall möchte ich meiner Kunst und der Menschheit dienen, nach den Worten Moses: ‚Du bist hinausgegangen, um deinen Brüdern zu dienen.‘“

North kommentiert:

Die Auffassung meines Großvaters von der jüdischen Ethik unterscheidet sich unverkennbar von derjenigen, die in der Netanjahu-Regierung und dem heutigen zionistischen Staat vorherrscht. Er wäre entsetzt und erschüttert, wenn er wüsste, was im Namen des jüdischen Volks getan wird. (S. 83)

Ignatz’ Bruder Joseph starb im Warschauer Ghetto, sein Bruder Wladyslaw starb 1940 „nach einem Besuch im Gestapo-Hauptquartier“, und zwei seiner drei Schwestern kamen während des Kriegs in Polen ums Leben. Trotzdem habe seine Mutter Beatrice, die Tochter von Ignatz, „nie eine Spur von Hass oder Bitterkeit gegenüber den Deutschen gezeigt“, betonte North. „Die Trennlinie zwischen Gut und Böse verlief in meiner Familie also nicht zwischen Deutschen und Juden, sondern zwischen links und rechts.“

Der letzte Vortrag in der Reihe Die Logik des Zionismus mit dem Titel „Der Völkermord in Gaza und der Tod von Aaron Bushnell: Was sind die politischen Lehren?“ befasst sich mit der Krise der politischen Führung in der Protestbewegung gegen den Gaza-Genozid und dem tragischen Selbstmord des 25-jährigen US-Soldaten Aaron Bushnell. Am 25. Februar zündete sich Bushnell vor der israelischen Botschaft in Washington D.C. an und rief dabei „Free Palestine“.

North betont:

Bei aller Trauer über den Tod von Aaron Bushnell und allem Respekt vor seinem Idealismus und seiner Aufrichtigkeit wäre es aber falsch, seinen Selbstmord zu rechtfertigen und zu loben oder einen solchen selbstzerstörerischen Akt des „extremen Protests“ als wirksame Form des politischen Widerstands gegen den Völkermord in Gaza oder ganz allgemein gegen die Verbrechen des Imperialismus zu begrüßen. (S. 92)

Er polemisiert gegen diejenigen, die – wie der pseudolinke Präsidentschaftskandidat Cornel West und der linksliberale Journalist Chris Hedges – „den ohnmächtigen Protest eines einzelnen Märtyrers dem Aufbau einer politisch bewussten Massenbewegung von Millionen“ entgegensetzen. Denn gerade eine solche bewusste Massenbewegung sei notwendig, „um sich der imperialistischen Barbarei und dem ihr zugrunde liegenden kapitalistischen System entgegenzustellen und beidem ein Ende zu setzen“.

North analysiert Bushnells Selbstmord im sozialen und politischen Kontext. Zwar habe er sich von der „Kultur der Gleichgültigkeit und Brutalität“ des Militärs abgestoßen gefühlt, sah aber in kollektiven politischen Aktionen keine sinnvolle Alternative und reagierte deshalb auf den Völkermord in Gaza auf individuelle Weise.

Bushnell wuchs nach der Auflösung der Sowjetunion durch die Stalinisten auf, also in einer Zeit, in der keine Massenstreiks stattfanden und die Kämpfe der Arbeiterklasse von der Gewerkschaftsbürokratie unterdrückt wurden. An den Universitäten wurde „linke“ Politik „in einer Weise umgedeutet, die nicht auf die entscheidende Frage der Gesellschaftsklasse, sondern auf verschiedene Formen der persönlichen Identität konzentriert war. Dies hat bis heute zur Folge, dass der Einfluss der reaktionären und demoralisierenden Einstellung des Individualismus gestärkt wird.“

North zitiert den Bolschewiken und Vertreter der Linken Opposition, Jewgeni Preobraschenski, der auf den hohen Prozentsatz an „Selbstmorden in einer Epoche der Konterrevolution und der sozialen Unordnung“ hinweist – „in einer Epoche des Niedergangs, wenn alte Bindungen zerfallen und neue erst noch entstehen müssen, wenn die zentrifugalen Kräfte der Gesellschaft gegenüber den zentripetalen überwiegen“, wenn das „ohnmächtige Individuum“ sich isoliert fühlt und „sein Gleichgewicht verliert“.

Hedges hatte in Reaktion auf Bushnells Selbstmord behauptet: „Diese individuellen Selbstopferungen werden oft zu Sammelpunkten für den Massenwiderstand.“ Bushnells Handlung sei „ein Weckruf zum Kampf gegen das radikal Böse“. North kritisiert Hedges scharf, der „sich nicht nur nachträglich zum Komplizen des Todes des jungen Mannes macht, sondern auch zum Anstifter künftiger Protestselbstmorde“. Hedges’ Prämisse, dass solche verzweifelten Aktionen notwendig seien, um die Massen aus ihrer vermeintlichen Gleichgültigkeit aufzurütteln, sei falsch, so North. Die Bewegung gegen den Genozid sei nicht mit dem Problem konfrontiert, dass es einen Mangel an Unterstützung gäbe, sondern:

Die Proteste blieben im Rahmen der bestehenden bürgerlichen Politik. Sie zielten nicht auf eine unabhängige politische Mobilisierung der Arbeiterklasse gegen die kapitalistische Herrschaft ab, sondern darauf, Druck auf die bürgerlichen Regierungen auszuüben, damit sie ihre Politik ändern. (S. 102)

Hedges’ Ansichten, die „den Pessimismus, den intellektuellen Bankrott und den zutiefst reaktionären Charakter der pseudolinken Mittelschicht“ zeigen, stellt North die Position von Trotzki entgegen, der individuelle Märtyrerakte im Kampf gegen den Faschismus abgelehnt hatte. In einem denkwürdigen Artikel zu Ehren des 17-jährigen Herschel Grynszpan, eines in Polen geborenen Juden, der im November 1938 in Paris ein Attentat auf einen Nazi-Diplomaten verübte, schrieb Trotzki:

Unsere moralische Solidarität mit Grynszpan gibt uns ein besonderes Recht, allen noch kommenden Grynszpans und all denen, die sich im Kampf gegen den Despotismus und die Bestialität zu opfern fähig sind, zuzurufen: Findet einen anderen Weg! Nicht der isolierte Rächer, sondern nur eine große revolutionäre Massenbewegung, die von dem System der Klassenausbeutung, von nationaler Unterdrückung und Rassenverfolgung nichts bestehen lassen wird, kann die Unterdrückten befreien.

North kommt zu dem Schluss: „Diese Worte finden in unserer Zeit ein Echo und fassen – bei allen Unterschieden – die politischen Lehren zusammen, die aus dem tragischen Tod von Aaron Bushnell gezogen werden sollten.“

Dies bringt uns zurück zum zentralen Argument von Die Logik des Zionismus: Nur die Vereinigung der Arbeiterklasse über alle nationalen Grenzen hinweg im Kampf für die sozialistische Weltrevolution kann Kriegen und rassistischer oder nationaler Unterdrückung ein Ende setzen. Das Programm des Nationalismus, die Vorstellung vom Schutz des jüdischen Volkes durch Abgrenzung und Gründung eines „eigenen“ Staates, hat zu jahrzehntelanger Unterdrückung der Palästinenser, zu ständigen Kriegen und der Errichtung eines faschistoiden Regimes geführt, das in Gaza einen Völkermord verübt.

Die erhobene Forderung nach einer „Zwei-Staaten-Lösung“ ist nicht weniger bankrott. Ein armer palästinensischer Staat, der auf einem Trümmerhaufen und einem Berg von Leichen errichtet würde, wäre – mit Trotzkis Worten – eine „tragische Verhöhnung“ der palästinensischen Bevölkerung. Diese „Lösung“ würde bedeuten, dass die Unterdrückung durch Israel und die imperialistischen Mächte fortgesetzt wird, unterstützt von der palästinensischen Bourgeoisie.

Unter den Bedingungen der globalisierten Weltwirtschaft ist die Aufteilung der Welt in rivalisierende Nationalstaaten ein reaktionärer Anachronismus. Sie dient nur den Interessen der kriminellen herrschenden Klassen, die einen weiteren katastrophalen imperialistischen Krieg vorantreiben, um die Welt und ihre Ressourcen neu aufzuteilen.

Die Logik des Zionismus zeigt, dass es immer eine fortschrittliche Alternative zum Zionismus gab und dass diese Alternative weiterhin besteht. Millionen von Menschen werden in den Kampf gegen Krieg, Diktatur und Sozialangriffe getrieben. Norths Buch wird eine wichtige Waffe sein, um den Einfluss des kleinbürgerlichen Radikalismus und aller Formen nationalistischer und rassistischer Politik zu überwinden und Arbeiter und Jugendliche für das internationalistische Programm der trotzkistischen Bewegung zu gewinnen.

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