Omikron-Welle in Europa: Tägliche Neuinfektionen nähern sich einer Million

Ein bewusstloser Corona-Patient an einer ECMO-Maschine in einem Pariser Krankenhaus am 22. April 2021 (AP Photo/Lewis Joly)

Die Arbeiterklasse ist mit der dringenden Notwendigkeit konfrontiert, für die Umsetzung von Schutzmaßnahmen zu kämpfen, um die beispiellose Corona-Welle in Europa zu stoppen. Die kapitalistischen Regierungen zeigen ihre offene Verachtung gegenüber Menschenleben. Während die Omikron-Variante die Infiziertenzahlen auf Rekordwerte treibt und die Überlastung der Krankenhäuser droht, führen sie nur minimale Maßnahmen durch und drängen auf eine Verkürzung der Quarantänezeiten für Erkrankte und Kontaktpersonen.

Frankreich verzeichnete am Donnerstag 206.243 neue Fälle, Großbritannien 189.213, Italien 126.888, Griechenland 35.580 und Portugal 28.659. Nicht nur dass alle diese Zahlen Rekordwerte sind, sondern sie haben sich auch in den letzten zwei bis drei Tagen verdoppelt. Andere Länder mit hohen Zahlen sind Dänemark (20.280 Fälle), Irland (20.554) und die Schweiz (11.788). In Deutschland erklärte Gesundheitsminister Karl Lauterbach, die offizielle Zahl der Neuinfektionen sei in Wirklichkeit zwei- bis dreimal höher als die 40.042 Fälle, die am Mittwoch gemeldet wurden, und die liegen bereits um 45 Prozent höher als am Dienstag.

Die offiziellen Statistiken, laut denen es am Donnerstag europaweit mehr als 950.000 Neuinfektionen gab, sind deutlich zu niedrig. In mehreren Ländern sind die Testkapazitäten ausgeschöpft, sodass die Ausbreitung nicht mehr erfasst werden kann. In Deutschland, Norwegen, Spanien und den Niederlanden liegt die Positivrate bei Tests bei über zehn Prozent, in Großbritannien, Frankreich, Italien, der Türkei und Dänemark bei über fünf Prozent. Laut der WHO bedeutet eine Positivrate von über fünf Prozent, dass sich weit mehr Menschen anstecken als diagnostiziert werden.

Am Mittwoch gab es in England und Nordirland keine PCR-Schnelltests, Apotheken meldeten eine Knappheit von Covid-Selbsttests und in der Republik Irland lag die Positivrate bei 45,22 Prozent. In Indien hatte sie auf dem Höhepunkt der tödlichen Delta-Welle, als die Krankenhausversorgung dort zusammenbrach, bei 22,3 Prozent gelegen.

Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Tedros Adhanom Ghebreyesus warnte: „Es bereitet mir große Sorge, dass die leichter übertragbare Omikron-Variante, die zeitgleich mit Delta zirkuliert, einen Tsunami von Infektionen auslöst.“ Er fügte hinzu, dies werde „immensen Druck auf die erschöpften Beschäftigten im Gesundheitswesen ausüben und die Gesundheitssysteme an den Rand des Zusammenbruchs bringen.“

Die europäischen Regierungen zeigen unverhohlen ihre Verachtung für Menschenleben und geben jeden Anschein auf, die Ausbreitung des Virus einschränken zu wollen. Nur die Stilllegung der nicht lebensnotwendigen Produktion und des Präsenzunterrichts kann die massive Welle von Erkrankungen stoppen, die sich bereits anbahnt. Nur so wäre auch ein drastischer Anstieg der Todesfälle zu begrenzen. Doch diese Maßnahmen lehnen die Herrschenden rundheraus ab. Stattdessen lockern sie die Quarantäneregeln, damit genug Arbeiter in den Betrieben sind, auch wenn sie sich mit Covid-19 infiziert haben.

Der französische Gesundheitsminister Olivier Veran erklärte am Mittwoch vor der Nationalversammlung, Frankreich stehe eine „Flutwelle“ von Omikron-Fällen bevor. Derzeit sind zwei Prozent der französischen Bevölkerung an Covid-19 erkrankt und zehn Prozent waren laut Veran in jüngster Zeit dem Virus ausgesetzt. Er gab zwar zu, dass die Zahl der Hospitalisierungen innerhalb nur einer Woche um 49 Prozent angestiegen ist, behauptete aber dennoch, es gebe „keine Korrelation mit der Verbreitung des Virus“ mehr. Damit wollte er andeuten, Frankreich könnte selbst bei steigenden Infiziertenzahlen vor einem Anstieg der Krankheits- und Todesfälle verschont werden.

Der spanische Ministerpräsident Pedro Sanchez gab am Mittwoch praktisch zu, dass er nichts gegen das Virus unternommen hat, weil ihm die Profite der Konzerne wichtiger waren als der Schutz von Menschenleben. Er erklärte, seine Entscheidung sei ein Ausdruck der Notwendigkeit, „die öffentliche Gesundheit, die psychische Gesundheit und das Wirtschaftswachstum im Einklang zu halten“.

Nachdem bereits die Weihnachtsfeierlichkeiten uneingeschränkt zugelassen wurden, droht mit den Neujahrsfeiern ein weiteres Superspreader-Event. In Großbritannien hat Premierminister Boris Johnson erklärt, es werde vor dem neuen Jahr keine weiteren Einschränkungen geben. Auch in Spanien und Frankreich gibt es keine Einschränkungen für Feierlichkeiten am 31. Dezember. In Italien wurden öffentliche Veranstaltungen abgesagt, doch es dürfen sich weiterhin unbegrenzt viele Menschen privat treffen.

Bisher konzentrierten sich die Omikron-Infektionen unverhältnismäßig stark auf jüngere Erwachsene. Das Zusammenkommen mehrerer Generationen über die Feiertage wird es der Variante ermöglichen, auch auf die älteren Generationen überzugreifen, wo sie viel schwerere und tödliche Krankheitsverläufe verursachen wird.

Die Versuche der europäischen Regierungen, die Arbeiter einzulullen und über das Ausmaß der Krise hinwegzutäuschen, werden jetzt durch die Krise in Großbritannien entlarvt, wo die Omikron-Welle früher als in anderen europäischen Ländern begann. Am Mittwoch mussten 10.462 Menschen mit Covid-19 ins Krankenhaus, der höchste Wert seit dem 1. März. In London, dem Epizentrum der Omikron-Welle, ist diese Zahl auf 3.310 um 63 Prozent im Vergleich zur Vorwoche angestiegen. 60 Prozent der mit Omikron Hospitalisierten sind zwei- oder dreifach geimpft.

Die britischen Behörden haben die Krankenhäuser angewiesen, sich auf Hospitalisierungen in Rekordhöhe durch die drohende „Superwelle“ von Omikron vorzubereiten. Es sollen sogar Kantinen und Parkhäuser in Lazarette umgewandelt werden. Bereits ein Zehntel aller Beschäftigten des britischen Gesundheitssystems National Health Service (NHS) sind in Selbstisolation. Letzte Woche wurden 512 Kinder mit Covid-19 hospitalisiert, was einem Anstieg von 52 Prozent entspricht und einen neuen Rekord darstellt.

Trotzdem planen die Regierungen in ganz Europa die vollständige Wiederaufnahme der nicht lebensnotwendigen Produktion nach den Feiertagen und Präsenzunterricht an Schulen und Universitäten ab dem 3. Januar. Da die Schulen Infektionsherde sind, wird sich die Zahl der Infektionen, Hospitalisierungen, Long-Covid-Fälle und Toten unter den größtenteils ungeimpften Kindern weiter erhöhen.

Um Kinder in der Schule und Arbeiter in den Betrieben zu halten, damit die Profite der Banken weiter fließen können, setzen die europäischen Regierungen Maßnahmen durch, die die Infektionsraten nach oben treiben werden. In ganz Europa folgen die Gesundheitsbehörden dem Beispiel der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC, die die Quarantänedauer von Covid-Infizierten von zehn auf fünf Tage verkürzt hat.

In Spanien hat die Regierung am Mittwoch die Isolationszeit für Geimpfte von zehn auf sieben Tage verkürzt. Ähnliche Maßnahmen werden in Frankreich, Italien, Deutschland und Griechenland in Erwägung gezogen; in Großbritannien wurde sie bereits am 22. Dezember für doppelt Geimpfte von zehn auf sieben Tage verringert.

Diese Maßnahmen sind völlig unwissenschaftlich. Zu Beginn der Pandemie empfahl die WHO vierzehn Tage Isolation nach einer Infektion mit Coivd-19, um sicherzustellen, dass sich das Virus nicht weiterverbreitet. Die CDC hat die Zeit auf fünf Tage verkürzt, weil Vorstände der Fluggesellschaften und anderer Unternehmen darüber klagten, dass der Personalmangel ihre Profite in der Ferienzeit beeinträchtigt. Die europäischen Kapitalisten sehen mit neidischem Blick über den Atlantik und sind entschlossen, den Arbeitern in Europa die gleichen tödlichen Maßnahmen aufzuzwingen.

Die Arbeiter müssen gewarnt sein. Angesichts von fast 1,5 Millionen Toten in Europa steht außer Frage, dass die herrschende Klasse bereit ist, ihre rücksichtslose Politik fortzusetzen, die weitere Millionen Todesopfer fordern wird. Schon zu Beginn der Pandemie hatte das deutsche Innenministerium in einem Papier gewarnt, dass eine ungehinderte Ausbreitung des Virus in Deutschland zu mehr als einer Million Todesopfern führen könnte. Doch der britische Premier Johnson erklärte trotzdem, man könnte es vielleicht „einfach gelassen hinnehmen, alles in einem Anlauf – es gewissermaßen zulassen, dass sich die Krankheit in der Bevölkerung ausbreitet“.

Nur die unabhängige Mobilisierung der Arbeiter, die Anfang März in Italien begann und sich schnell über ganz Europa und die USA ausbreitete, konnte diese Durchseuchung am Anfang der Pandemie verhindern. Die Lockdowns, die in Reaktion auf die Streiks umgesetzt wurden, stoppten zwar die Ausbreitung, verringerten aber die Profite der Unternehmen und Milliardäre. Die herrschende Elite schwor sich, einen solchen Eingriff nie mehr zuzulassen, egal wie viele Todesopfer es erfordert.

Heute kann nur durch die unabhängige Mobilisierung von Millionen Arbeitern eine wissenschaftlich begründete Politik durchgesetzt werden, die für den Kampf gegen das Virus notwendig ist. China hat gezeigt, dass eine wissenschaftliche Herangehensweise das Virus eliminieren kann: Lockdowns, Kontaktverfolgung und Quarantäne haben die Übertragung des Virus innerhalb der Grenzen Chinas gestoppt. Im Jahr 2021 sind in dem Land mit 1,4 Milliarden Einwohnern nur zwei Menschen an Covid-19 gestorben.

Arbeiter und Jugendliche dürfen nicht der Gefahr eines Massensterbens ausgesetzt werden. Sie müssen Aktionskomitees in den Betrieben, Schulen und Wohnorten bilden, um die Schließung der nicht lebensnotwendigen Produktion und die Umsetzung von wissenschaftlichen Maßnahmen zur Eliminierung des Virus zu fordern. Bei einem Lockdown müssen Arbeiter und ihre Familien mit vollem Einkommen unterstützt werden, finanziert durch die Enteignung der Finanzaristokratie.

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